Frühjahrsfestival #2
1969 lässt sich der „Totalkünstler“ Timm Ulrichs einen Grabstein anfertigen. Darauf zu lesen: „Denken Sie immer daran, mich zu vergessen!“ Wie will man mit dem Paradox umgehen, dass das Einzige, was von uns bleibt, eine Erinnerung ist, die dem Vergessen höchstens durch Dokumentation, Wiedererzählung und materielle Spuren entrissen ist? Wie sich Geschichte schreibt, ist immer wieder neu motiviert: Geht es um reine Aufzeichnung von Fakten, von Dingen, die einfach „passiert“ sind, oder um die Fortschreibung von Erinnerungen in eine Gegenwart, die einmal Zukunft gewesen ist? „Wer wollen wir gewesen sein?“ fragen wir diese Saison ganz bewusst im Futur II. Wir widmen dieser Zeitform – anknüpfend an unser Frühjahrsfestival # 1 wirklich wirklich – die # 2. Dieses Jahr geht es um die Frage, was Geschichte ist und wer sie wie und über wen schreibt.

Die Oper setzt sich ununterbrochen mit ihrem historischen Erbe und historischen Themen auseinander. Immer wieder gibt sie ihren Toten neue Stimmen, um ein weiteres Mal ihre Geschichte zu erzählen. Uns Nachgeborenen gibt sie die Chance, zu untersuchen, was uns mit früheren Epochen verbindet. Wer wir gewesen sein werden ist auch dadurch bestimmt, wer wir bereits gewesen sind. Drei Premieren spannen das Themenfeld für Futur II auf: In BORIS tauchen in der Erzählung von Mussorgskis Chronisten Stimmen aus der jüngeren Vergangenheit auf und stellen neue Fragen an die Geschichtsschreibung. Hans Zenders Übermalung Schuberts „Winterreise“ legt offen, wie unser heutiges Selbstverständnis mit einem Individualismus von gestern zu tun hat. Juditha triumphans stellt zuletzt die Konstruktion einer Sieger-Identität aus einem biblischen Stoff zur Debatte.

In einer Reihe von Gesprächsveranstaltungen, Sinfonie-, Kammer und Liedkonzerten, einer Langen Nacht und einem Futur-II-Kongress soll es dieses Jahr um unsere Position im Gefüge des Zeitgeschehens gehen. „Immer schreibt der Sieger die Geschichte der Besiegten./Dem Erschlagenen entstellt der Schläger die Züge./Aus der Welt geht der Schwächere und zurück bleibt die Lüge.“, schreibt Bertolt Brecht. Der Gewinn der jüngeren Geistesgeschichte ist die Erkenntnis, dass sich diese Geschichte immer wieder neu schreiben lässt.

* Ein ausführliches Programm zu unserem Frühjahrsfestival finden Sie
   beizeiten hier auf unserer Website und in unseren Monatspublikationen.
2./7./16./23.2., 2.3.
Boris
Opernhaus

9./10.2.
4. Sinfoniekonzert
Liederhalle

14.2.
Lange Nacht der
wiedergefundenen Zukunft

1./5./ 8.3.
Schuberts „Winterreise“
Opernhaus

7./13./17.3.
Le nozze di Figaro
Opernhaus

7./17./20./22.3.
Die sieben Todsünden /
Seven Heavenly Sins

Schauspielhaus

8.3.
Radioshow Nr. 5
Opernhaus

15./21.3.
Don Carlos
Opernhaus

18.3.
5. Kammerkonzert
Liederhalle

21.3.
Kongress Futur II

22.3.
Juditha triumphans
Opernhaus