Quälend süße Einsamkeit

Sechs Filme und Musik über Gefühle im Ausnahmezustand

„Lange allein sein macht ungerecht“, lässt die Dichterin Ingeborg Bachmann eine ihrer Figuren im Insel-Hörspiel Die Zikaden feststellen – und es steht außer Frage: Zum Menschsein gehört das Miteinander mit Anderen, auch wenn Philosoph* innen und Dichter*innen seit Jahrhunderten den Wert der Einsamkeit ergründet haben. Als im Frühjahr dieses Jahres alle abrupt und unerwartet auf sich selbst zurückgeworfen wurden, Distanz zur lebensrettenden Regel wurde und Orte gesellschaftlichen Miteinanders als Gefahrenzone galten, als Öffentlichkeit vollends in die sozialen Medien wanderte, wurde das Bedürfnis nach Nähe und Gemeinschaft vielleicht bewusst wie nie zuvor. Was sich für den Einen als wohltuende Einsamkeit anfühlte, war für den Anderen schlicht unfreiwillige und bedrückende Isolation. In den Monaten, in denen auch die Oper ihre Pforten geschlossen halten musste, haben wir sechs Videokünstler*innen eingeladen, mit einzelnen Sänger*innen des Ensembles Filme über Gefühle im Ausnahmezustand zu entwickeln. Nichts schien dafür in seiner Intensität und Intimität als Ausgangsmaterial geeigneter als die poetischen Seelenminiaturen, wie sie Claudio Monteverdi, Tarquino Merula und Carlo Milanuzzi zu Beginn des 17. Jahrhunderts komponiert hatten. Damals revolutionierten sie mit der Entwicklung des Sologesangs zu einer einfachen Begleitung die Ordnung der Dinge auf dem Gebiet der Musik: Von nun an stand der Mensch mit seinen widersprüchlichen Gefühlen, seinen Leidenschaften und Sehnsüchten im Zentrum ihrer Kunst. Der fühlende Mensch sprach singend zum fühlenden Menschen. Wie nebenbei erfanden sie auf diesem Weg die neue Kunstform Oper.

Die filmisch-musikalischen Momentaufnahmen des kollektiven wie individuellen Ausnahmezustandes im Frühsommer 2020 entstanden an erstarrten und vorübergehend leergefegten Orten des öffentlichen Lebens – dem Flughafen, der Staatsgalerie, dem verwaisten Opernhaus … Zusammen mit live gespielter Musik der Zeit Monteverdis erleben Sie diese Filme als Erinnerungen an eine außergewöhnliche Zeit. In einem filmisch-musikalischen Abend über das Alleinsein, die Sehnsucht nach Zweisamkeit und nach dem Miteinander in vielerlei Gemengelagen.

Programm (im Film)

I Claudio Monteverdi Quel sguardo sdegnosetto, 1632 aus Scherzi musicali Claudio Monteverdi Interotte speranze, 1619 aus dem 7. Madrigalbuch Concerto: settimo libro de madrigali

II Carlo Milanuzzi Si dolce è l’tormento, 1624 aus Vierter Scherz der gesungenen Schönheiten (Quarto scherzo delle ariose vaghezze) und Claudio Monteverdi Ohimè dov’è il mio ben, 1619 aus dem 7. Madrigalbuch Concerto: settimolibro de madrigali

III Tarquino Merula Folle è ben che si crede, 1638 aus Curtio precipitato et altri capricii, libro secondo

IV Claudio Monteverdi Lamento della Ninfa, 1638 aus dem 8. Madrigalbuch Madrigali guerrieri et amorosi

V Tarquino Merula Hor ch’è tempo di dormire, 1621 aus Curtio precipitato et altri capricii, libro secondo

Ort
Opernhaus
Premiere
7. Dezember 2020

Dez 2020
https://www.staatsoperstuttgart.de Staatsoper Stuttgart Oberer Schlossgarten 6, 70173 Stuttgart

Mo
7
19:30
Opernhaus
8-65 € / A
Besetzung
https://www.staatsoperstuttgart.de Staatsoper Stuttgart Oberer Schlossgarten 6, 70173 Stuttgart

Di
8
19:30
Opernhaus
8-65 € / A
Besetzung
https://www.staatsoperstuttgart.de Staatsoper Stuttgart Oberer Schlossgarten 6, 70173 Stuttgart

Mi
9
19:30
Opernhaus
8-65 € / A