Eine Retrospektive zukünftiger Stimmen
Mit Beginn der Spielzeit 2019/20 verbündet sich die Staatsoper Stuttgart für zwei Jahre mit der Kompagnie Opera Ballet Vlaanderen Antwerpen/Gent und den Berliner Musiktheater-Macher*innen Johannes Müller/Philine Rinnert. Diese künstlerische Partnerschaft zwischen zwei europäischen Opernhäusern und einer freien Musiktheatergruppe wird im Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes gefördert. Johannes Müller/Philine Rinnert begreifen ihre Musiktheater-Projekte als archäologische Arbeit: In einer ausgedehnten opern-historischen Spurensuche tragen sie Material zu bekannten aber auch zu vergessenen Werken zusammen und synthetisieren es mit pop- und queer-kulturellen Fundstücken zu neuen Musiktheater-Hybriden.

Im Mittelpunkt der Kooperation Sing out! steht das physische Zentrum der Oper selbst: Die Stimme als Ausdruck von Individualität und menschlicher Selbstbehauptung, als ephemeres Fetisch-Objekt und gleichzeitig als handhabbares Werkzeug, das nach allen Regeln der Kunst und im Dienste des Gefühlsausdrucks bis aufs letzte beansprucht wird. Die Opern-Stimme ist voller Paradoxien: Sie ist an den Körper gebunden und kann ihn zugleich verlassen, um ihre Hörer*innen zu transformieren. Die Stimme berührt durch Schönklang, beeindruckt durch virtuose Akrobatik und trifft einen selbst noch in Momenten der Fehlleistung – wenn sie kiekst, bricht oder einfach versagt. Sie kann Rollenzuschreibungen zementieren, aber im nächsten Atemzug Kategorien wie Körper, Geschlecht oder ethnische Zugehörigkeit ganz einfach überwinden.

Um dem Geheimnis der Opern-Stimme auf den Grund zu gehen, gründen Johannes Müller/Philine Rinnert das Orpheus Institut, das zwischen Januar und Juli 2020 regelmäßig in der Staatsoper und ihrem städtischen Umfeld auftauchen wird. Es entstehen ausgehend von der mythischen Figur des Orpheus unterschiedliche Formate: große Oper, Performance, Show, Vortrag. In ihnen wird mit Stimme und ohne Stimme aber auch mit fremder Stimme gesungen, es wird über Gesang gesprochen, der Stimme werden wechselnde Körper zur Verfügung gestellt. Stimmliche Experimente und neue Kompositionen erweitern dabei die Erscheinungsweisen klassischen Opern-Gesangs. Orpheus wird in einer Vielzahl seiner Bühnen-Reinkarnationen befragt, aber auch die Sänger*innen und die sonst stummen Expert*innen hinter den Kulissen kommen zu Wort: Stimm-Coaches, Souffleure, Ärztinnen oder Akustiker. Neben der historischen Erforschung der Arbeit mit dem Kehlkopf soll aber auch in die Zukunft gedacht und die Frage gestellt werden, wie man den Umgang mit Stimme, den Oper über Jahrhunderte entwickelt hat, heute weitertreiben, ausweiten und nutzen kann: Wer wird in Zukunft für uns singen? Und wie? Und wo?

* Weitere Veranstaltungen zu diesem Projekt in Stuttgart finden Sie
   beizeiten hier auf unserer Website und in unseren Monatspublikationen.
Kooperation der
Staatsoper Stuttgart
und Opera Ballett Vlaanderen
mit Johannes Müller/Philine Rinnert

Gefördert im Fonds Doppelpass
der Kulturstiftung des Bundes
außerdem
HUMAN
JUKEBOX.
Ein Abend über Maschinengesang
und Gesangsmaschinen
am 15.3.20
im Wizemann