Vom Barock bis zur Uraufführung
Neben 20 Opern des Repertoires von Gluck bis Britten und Henze werden in der Saison 2019/20 sechs Neuproduktionen den Bogen vom Barock bis in die Gegenwart schlagen, von Antonio Vivaldi bis Salvatore Sciarrino und einer Uraufführung von Sergej Newski.
Premieren 2019/20
Am 27. Oktober 2019 eröffnet Giuseppe Verdis Don Carlos den Premierenreigen der Saison 2019/20. Die Staatsoper Stuttgart zeigt die fünfaktige revidierte Fassung von 1886 in französischer Sprache. Generalmusikdirektor Cornelius Meister dirigiert, Lotte de Beer führt Regie. Massimo Giordano übernimmt die Titelpartie. Björn Bürger, ab 2019/20 neues Ensemblemitglied der Staatsoper Stuttgart, debütiert in der Partie des Marquis von Posa. Olga Busuioc singt erstmals Elisabeth von Valois. Goran Jurić singt als Philipp II. nach König Heinrich (Lohengrin) und dem Kreuz-König (Die Liebe zu drei Orangen) seine mittlerweile dritte Königspartie in einer Neuproduktion der Staatsoper Stuttgart. Ein Wiedersehen gibt es mit Falk Struckmann, der 2018 im ehemaligen Paketpostamt als Herzog Blaubart sein Stuttgart-Debüt gab. In Don Carlos singt er die Partie des Großinquisitors.

Wolfgang Amadeus Mozarts Oper Le nozze di Figaro feiert am 1. Dezember 2019 in einer Neuinszenierung von Christiane Pohle Premiere. Roland Kluttig, künftiger Chefdirigent der Oper Graz, dirigiert. „Diese Produktion ist ein Bekenntnis zum Solistenensemble unseres Hauses“, so Viktor Schoner. „Wir wollen unser Stuttgarter Mozart-Ensemble kontinuierlich pflegen. Für viele unserer jungen Sängerinnen und Sänger bietet Mozarts Le nozze di Figaro ideale Voraussetzungen, sich stimmlich und szenisch weiterzuentwickeln.“ Nahezu alle Partien sind mit Solistinnen und Solisten aus dem Stuttgarter Sängerensemble besetzt: In der Titelparte debütieren Michael Nagl und Andrew Bogard. Esther Dierkes und Josefin Feiler singen jeweils ihre erste Susanna. Johannes Kammler und Jarrett Ott verkörpern ebenfalls jeweils zum ersten Mal Graf Almaviva. Mandy Fredrich kehrt als Gräfin an die Staatsoper Stuttgart zurück und teilt sich die Partie mit Ensemblemitglied Olga Busuioc. Diana Haller und Ida Ränzlöv, die 2019/20 aus dem Opernstudio ins Ensemble übernommen wird, singen Cherubino. In weiteren Rollen sind u.a. die Ensemblemitglieder Ks. Helene Schneiderman und Maria Theresa Ullrich (Marcellina), Ks. Heinz Göhrig (Basilio) und Matthew Anchel (Antonio) zu erleben.
Zur Eröffnung des zweiten Frühjahrsfestivals am 2. Februar 2020 hebt sich der Vorhang für die Neuproduktion Boris: Das künstlerische Team verzahnt Modest Mussorgskis musikalisches Volksdrama Boris Godunow bei dieser Neuproduktion mit der Uraufführung von Sergej Newskis Secondhand-Zeit, ein Auftragswerk der Staatsoper Stuttgart. Secondhand-Zeit basiert auf Texten von Swetlana Alexijewitschs gleichnamigem „Roman in Stimmen“, in dem sie ähnlich wie Puschkin in seiner Vorlage zu Mussorgskis Oper historisch-dokumentarisches Material, hier die Erinnerungen zahlloser Helden des Alltags, zu Literatur verdichtete. Mussorgskis Boris Godunow wird ungekürzt in der Urfassung und in russischer Originalsprache gespielt, Newskis musikthetralische „Erinnerungssplitter“ erklingen in deutscher Sprache. Es dirigiert Titus Engel, Paul-Georg Dittrich inszeniert. Auch diese Neuproduktion wird wesentlich vom Solistenensemble der Staatsoper Stuttgart getragen: Adam Palka debütiert als Boris Godunow, Ks. Matthias Klink singt Fürst Wassilij. Opernstudiomitglied Carina Schmieger ist zum ersten Mal als Xenia, Goran Jurić erstmals als Pimen zu erleben. Elmar Gilbertsson gibt sein Rollendebüt als Grigorij Otrepjew.

Am 1. März 2020 feiert mit Schuberts „Winterreise“ der Klassiker der „Komponierten Interpretation“ Premiere an der Staatsoper Stuttgart: Die Neuproduktion von Hans Zenders Re-Komposition von Schuberts Liederzyklus für Tenor und kleines Orchester knüpft an die Uraufführung von Zenders Don Quijote de la Mancha aus dem Jahr 1993 im Opernhaus an. In Stuttgart wird Ks. Matthias Klink die Gesangspartie gestalten. Es spielt das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Stefan Schreiber. Der niederländische Installationskünstler Aernout Mik zeichnet für Konzept, Video, Raum und Regie verantwortlich. Nach der Premiere wird Schuberts „Winterreise“ noch an zwei Folgeterminen aufgeführt.

Antonio Vivaldis ausschließlich mit Frauenstimmen besetztes Oratorium Juditha triumphans wird in der Saison 2019/20 erstmals auf der Bühne des Opernhauses realisiert werden. Premiere ist am 22. März 2020. Vor zehn Jahren waren Auszüge des Werks bereits in der Koproduktion Judith der Staatsoper mit dem Schauspiel Stuttgart und den Salzburger Festspielen im Schauspielhaus zu erleben. Die Musikalische Leitung liegt in den Händen des Barockspezialisten Stefano Montanari. Die Italienerin Silvia Costa aus dem Team des Regisseurs Romeo Castellucci verantwortet bei dieser Produktion Regie und Raum. Sie nähert sich dem barocken „Oratorium sacrum militare“ mit dem Ausdrucksarsenal der bildenden Kunst. Es singen u.a. Rachael Wilson (Juditha) und Stine Marie Fischer (Holofernes) sowie der Frauenchor der Staatsoper Stuttgart.

Am 28. Juni 2020 beschließt ein Doppelabend die Premieren der Saison: Pietro Mascagnis groß besetzter Einakter Cavalleria rusticana und Salvatore Sciarrinos Kammeroper Luci mie traditrici (Meine trügerischen Augen) werden erstmals an einem Musiktheaterabend einander gegenüber gestellt. Barbara Frey führt Regie, Martin Zehetgruber entwirft die Bühne. Generalmusikdirektor Cornelius Meister, der Musikalische Leiter dieses Doppelabends, dirigierte zuletzt 2017 an der Mailänder Scala mit der Oper Morte di Boromini ein Werk Sciarrinos. Pietro Mascagnis Cavalleria rusticana führte Cornelius Meister zuletzt an der Deutschen Oper Berlin auf. Die beiden Eifersuchtsdramen sind auch aufgrund ihrer zeitlichen Distanz von mehr als hundert Jahren stilistisch höchst unterschiedlich, doch setzen beide die Tradition des italienischen Belcanto in ihrer jeweils eigenen Klangsprache fort. Für diese Produktion kehrt Eva-Maria Westbroek in der Partie der Santuzza an die Staatsoper Stuttgart zurück. Ein weiteres Wiedersehen gibt es mit Arnold Rutkowski als Turiddu. Ks. Helene Schneiderman singt Lucia, Dimitris Tiliakos singt die Partie des Alfio. In Sciarrinos Luci mie traditrici debütieren die Ensemblemitglieder Rachael Wilson als La Malaspina sowie Elmar Gilbertsson als Diener.

Repertoire
Cornelius Meister übernimmt die Musikalische Leitung einiger zentraler Produktionen des Repertoires: Richard Wagners Lohengrin, erstmals mit Daniel Behle in der Titelpartie sowie – analog zur Premierenspielzeit – mit Ks. Simone Schneider als Elsa und Okka von der Damerau als Ortrud; Richard Wagners Tristan und Isolde mit Catherine Naglestad, die als Isolde debütiert, und Daniel Brenna in der Rolle des Tristan sowie Okka von der Damerau als Brangäne und Liang Li als König Marke; Wolfgang Amadeus Mozarts Die Zauberflöte mit Mingjie Lei als Tamino, Josefin Feiler als Pamina, Björn Bürger als Papageno und Beate Ritter als Königin der Nacht sowie Elektra von Richard Strauss als letzte Wiederaufnahme der Saison, u.a. mit Marjorie Owens, die in der Titelpartie debütiert, Ks. Simone Schneider als Chrysothemis und Ks. Shigeo Ishino als Orest.

Den Saisonauftakt am 20. September 2019 bildet wie in der vergangenen Spielzeit ein Klassiker des Stuttgarter Repertoires: Giuseppe Verdis La traviata in der Inszenierung von Ruth Berghaus aus dem Jahr 1993. Es dirigiert Friedrich Haider. Elena Tsallagova gibt als Violetta ihr Stuttgart-Debüt, an ihrer Seite singt Pavel Valuzhin aus dem Stuttgarter Ensemble Alfredo. Das Repertoire als Kern des Spielplans an der Staatsoper Stuttgart umfasst in der kommenden Saison 20 Opernproduktionen.

Außerdem werden in der Saison 2019/20 auch folgende Produktionen wiederaufgenommen: Sergej Prokofjews Die Liebe zu drei Orangen in der Musikalischen Leitung von Valentin Uryupin in nahezu identischer Besetzung wie in der Premierenspielzeit; Carl Maria von Webers Der Freischütz unter der Musikalischen Leitung von Kapellmeister Thomas Guggeis mit Ks. Matthias Klink (Max), Laura Wilde (Agathe) und Josefin Feiler (Ännchen); Arrigo Boitos Mefistofele (Musikalische Leitung: Valerio Galli), u.a. mit Ensemblemitglied Adam Palka in der Titelpartie sowie Jacques Offenbachs Les Contes d’Hoffmann unter der Musikalischen Leitung von Daniele Rustioni, u.a. mit Atalla Ayan als Hoffmann.
„Gemeinsam mit Ihnen möchten wir in der kommenden Saison das Fremde im vermeintlich Bekannten entdecken, ausgehend von der Frage: ,Wer wollen wir gewesen sein?‘ Der verklärende Blick aus dem Heute auf Vergangenheit und Zukunft, Nostalgie und Utopie, sind für uns Leitgedanken in der Saison 2019/20. Eine zentrale Rolle spielt auch der Aspekt, wie der Mensch seiner Nachwelt im Gedächtnis bleiben will: Ob Königin oder Zar, ob Hausmädchen oder Geknechteter staatlicher Gewalt – ihnen allen gemein ist das Erinnert-werden-Wollen. Sie alle sind Subjekte der Geschichte, und auch wir alle werden es eines Tages sein.“

— Viktor Schoner, Intendant
„18., 19. und 20. Jahrhundert; deutsch, französisch, italienisch; Lotte de Beer, Barbara Frey, Jossi Wieler und Sergio Morabito, Peter Konwitschny, Árpád Schilling: Die Verschiedenartigkeit der Werke und der Inszenierungen, mit denen ich mich in der kommenden Spielzeit verbinde, ist mir ein besonderes Anliegen. Eine wichtige Aufgabe für mich als Generalmusikdirektor sehe ich darin, mich auf möglichst unterschiedlichen Feldern einzubringen.“

– Cornelius Meister, Generalmusikdirektor
„In der Oper gibt es immer mehrere Zeitschichten, die sich miteinander in Bezug setzen. Erst im Moment der Vorstellung, durch die Vergegenwärtigung, entsteht ein musiktheatrales Ereignis. Den Neuproduktionen der kommenden Saison ist dieser Grundaspekt deutlich eingeschrieben: Zenders ,Komponierter Interpretation‘ von Schuberts Winterreise beispielsweise oder der Kombination von Mascagnis und Sciarrinos Eifersuchtsdramen. Sciarrinos äußerst transparent komponierte Renaissance-Konstruktion aus dem späten 20. Jahrhundert verbindet sich über den Eifersuchtsmord mit dem expressiven Verismo Mascagnis und bringt verschiedene Ausdrucksformen und Zeitschichten miteinander in Korrespondenz.“

– Ingo Gerlach, Chefdramaturg
Das gesamte Programm für die Saison 19/20 wird am 23.5.2019 bekannt gegeben.
Der Vorverkauf für September und Oktober 2019 beginnt am 2.7.2019.