zurück
01.04.2026 Eine Liebesgeschichte in Liedern

Eine Liebesgeschichte in Liedern

Esther Dierkes und Björn Bürger gehören schon seit vielen Jahren zum Stuttgarter Opernensemble und zählen nicht nur auf der Opernbühne zu den absoluten Publikumslieblingen – sondern auch auf dem Liedpodium. Im Gespräch mit Cornelia Weidner erzählen sie mehr zum Programm ihres Liedkonzerts am 9. April und warum ihnen das Lied so wichtig ist.
Esther Dierkes: Weil wir im Lied ganz viel machen können, was uns auf der Opernbühne verschlossen bleibt.
Björn Bürger: Ja, genau. Das Lied als Rückkehr zur Essenz des Singens.
ED: Lied ermöglicht zurückzuschrauben und sich ganz auf Stimme, Text und auf Intimität zu besinnen.
BB: Auf der Opernbühne gibt es diese Elemente natürlich auch. Aber das Spektrum beim Lied ist einfach viel größer. Man kann beim Liedersingen tatsächlich viel mehr wagen als auf der Opernbühne, weil das Lied von Ausdruck, Text und Interpretation lebt und es nicht zusätzlich um den reinen Klangrausch geht.
Hat das auch damit etwas zu tun, dass ihr beim Lied ihr selbst sein könnt, dass ihr nicht auf eine Rolle festgelegt seid?
BB: Ja, absolut, das ist in jedem Fall richtig.
ED: Ich finde die Gestaltung als Paar, wie jetzt bei unserem schönen Programm natürlich besonders spannend, weil man das sonst eben nicht machen kann. Wir können nicht als Esther und Björn auf der Opernbühne stehen und etwas gemeinsam gestalten. Es sind immer Rollen. Und das ist beim Lied immer wieder der besondere Spaßfaktor für uns.
BB: Es ist die geteilte, innigste Empfindung. Das genießen wir sehr.
Das Lied begleitet euch ja auch schon sehr lange.
ED: Ja, unbedingt - von Tag eins an in der Ausbildung, war es ein sehr wichtiger Teil unseres künstlerischen Seins!
BB: Wir hatten das Glück, schon ganz früh mit Helmut Deutsch, Hilko Dumno und Götz Payer zusammenarbeiten zu können. Das war wirklich hervorragend.
ED: Es war wirklich ein Glück, dass wir schon so früh in die richtigen Hände gekommen sind und eine Affinität zum Lied entwickeln konnten – und das lassen wir natürlich nicht abbrechen! Lied reinigt.
BB: Das Lied gibt einem die Möglichkeit, wieder zum ureigensten Klang der Stimme zurückzufinden. Man ist im Lied unmittelbar mit dem inneren Seelenleben verbunden.
ED: Ja, es geht hier darum, das Unhörbare hörbar zu machen.
BB: Genau – das ist eigentlich immer die oberste Prämisse. Und das meinte ich eingangs auch, dass es beim Lied nicht auschließlich um das Volumen geht. Natürlich muss alles gesungen werden. Und letztlich singen wir Lied rein technisch nicht anders als Oper. Es geht aber um die innere Einstellung. Alles was bereits vorher und im Moment im Kopf stattfindet. Das ist, finde ich, das Spannende am Lied.
ED: Es sind diese Grenzgänge im Lied, die es zwar in der Oper auch gibt, aber doch ist letztlich alles vor-gegeben durch die Regie, das Zusammenspiel mit den Kolleg*innen und dem Orchester und der Spielraum kleiner. Beim Lied kann ich ganz frei, aus dem Moment heraus ganz bewusst fühlen und gemeinsam mit dem*der Partner*in oder Pianist*in gestalten. Es ist jedes Mal wieder anders und gleichzeitig total intim. Und das ist das Schöne daran. Besonders schön ist es natürlich mit Cornelius, der uns nun auch viele Jahre schon begleitet, mit dem wir uns blind verstehen und mit dem so viele unvergessliche Momente schon auf der Bühne entstanden sind, da liegt es auf der Hand, diese musikalische Intimität auch im Lied gemeinsam blühen zu lassen.
Zum eurem aktuellen Programm: In eurem letzten Liedkonzert habt ihr euch dem Künstlerehepaar Alma und Gustav Mahler gewidmet. Heute sind es nun Clara und Robert Schumann. Ihr seid ja auch ein Künstlerehepaar – sind euch deshalb diese Paare besonders nah oder interessieren euch ganz besonders?
ED: Oh ja – Ich liebe den Dialog zwischen zwei schöpferischen Persönlichkeiten! Für mich ist das privat wie auch beruflich eines der spannendsten Themen. Björn und ich kennen uns ja nun auch schon zwei Jahrzehnte und haben fast alle Duette, die es für Sopran und Bariton gibt, gesungen. Helmut Deutsch hat uns unermüdlich mit Repertoire beschenkt und immer wieder etwas Neues aus der Tasche gezogen – denn für Sopran und Bariton gibt es einfach nicht so viel. Das war dann immer eine große Entdeckung (lacht). Und es gibt für uns einfach nichts Spannenderes als zu schauen, wie das andere Künstlerpaare eigentlich gemacht haben. Wenn man es herunterbricht, machen wir beide ja letztlich nichts anderes, nur eben ein oder zwei Jahrhunderte später.
BB: Ja, und glücklicherweise gibt es von Clara und Robert Schumann ja sogar Aufzeichnungen dazu. Die beiden haben ja ein Ehetagebuch geführt – wie spannend! So etwas haben wir nun nicht… (lacht).
ED: Nein ein Ehetagebuch haben wir nicht, aber vielleicht ist unser WhatsApp-Verlauf so etwas in der Art (lacht). Am Ende dreht es sich ja eigentlich immer um dieses Spannungsfeld zwischen Beruf, Familie und Beziehung bzw. Partnerschaft. In diesem Dreieck-Konstrukt bewegen wir uns privat, das hat Alma und Gustav Mahler bewegt, Clara und Robert…
BB: Ja, das eine inspiriert das andere, es ist nichts einzeln gestellt, sondern immer alles miteinander verquickt.
ED: Auch die Spannungen, die daraus entstehen. Es ist ja nicht immer nur Inspiration…
BB: Auch die Spannung ist wichtig. Sie beflügelt. Es ist wie bei Allem natürlich immer viel Arbeit dabei.
ED: Diese Paare haben sich künstlerisch gegenseitig immer beeinflusst – und das tun wir auch. Sich gegenseitig Korrektiv, Partner*in, Freund*in, Lieb-haber*in und Stütze beruflich und privat zu sein. Natürlich ein großes Thema in jeder Ehe und auch bereits bei Clara und Robert.
BB: Und es mag halsbrecherisch klingen: Aber je mehr Kinder wir bekommen haben, desto besser werden wir auf der Bühne. Denn diese Alltagskonflikte, diese Spielereien auf der Bühne, die hat man ja sonst so nicht, zumindest nicht mehr ab dem Zeitpunkt, an dem man sich selbst erwachsen fühlt.
ED: Also ich habe keinen Liederzyklus zur Hochzeit von Dir bekommen. Vielleicht kannst Du den noch nachreichen? (lacht)
Bei den Proben: Cornelius Meister begleitet Esther Dierkes und Björn Bürger bei ihrem Liedkonzert am Klavier.
Aber ihr musstet es hoffentlich auch nicht vor Gericht erstreiten, dass ihr heiraten dürft?
BB: Nein, in der Tat, das mussten wir nicht. Wobei ich noch ganz klassisch bei deinem Vater um deine Hand angehalten habe…
ED: Anders als Robert hattest Du aber auch keinen Klavierunterricht bei ihm… (lacht)
Also den Liederzyklus gab es bei euch nicht zur Hochzeit. Wohl aber bei Robert und Clara – nachdem Robert Schumann tatsächlich vor Gericht die Einwilligung in diese Heirat von Claras Vater hat erstreiten müssen. Dann schenkte er Clara den Zyklus Myrten zur Hochzeit, den ihr im Liedkonzert aufführen werdet. Welche Bedeutung hat dieser Zyklus für euch, wo ihr ja wisst, welche Ehegeschichte dahintersteckt? Ist das für euch als Paar nochmal anders, diese Lieder zu singen?
BB: Gerade weil es hier um ein Künstlerehepaar geht und wir eben auch ein Ehepaar sind, ist der Grat zwischen persönlicher Beteiligung und dem nötigen Abstand, den man unbedingt braucht, hier besonders schmal. Es ist wichtig, dass man diese Lieder nicht zu persönlich nimmt, dass man emotional immer noch darüberstehen kann, weil es eben so wahnsinnig tiefgehend ist.
ED: Und weil in diesem Fall für uns einfach die Gefahr besteht, dass die Identifikation zu groß wird. Man darf sich da nicht von der Emotion treiben lassen, sondern muss immer noch Beobachter*in bleiben. Bei zu großem emotionalen Bezug klappt es mit dem Singen dann nicht mehr.
BB: Und wir schlüpfen am Liederabend eben in keine Rolle. Das sind ja immer noch wir, Esther und Björn, die das singen. Wir schlüpfen da nicht in die Rollen von Clara und Robert, das darf auf keinen Fall sein. Es muss die Authentizität gewahrt bleiben.
ED: Ich denke, dass das auch das Besondere daran ist, wenn wir diesen Zyklus gemeinsam bestreiten. Dass wir die Themen, die in diesen Liedern behandelt werden, wie Liebe, Durchhaltevermögen oder auch die Stärke und das gemeinsame Ja am Ende, dass wir diese Themen eben aus dem eigenen Ehe-Erleben sehr gut kennen. Daher ist das auch ein riesiges Geschenk, dass wir beide das zusammen machen dürfen.
Zuletzt noch eine Frage zu den Liedern von Robert und Clara Schumann: Wir wissen ja, dass sowohl Robert als auch Clara hervorragend Klavier gespielt haben. Wie haben die beiden für Stimme komponiert? Gibt es da Ähnlichkeiten? Bei Robert wissen wir, dass die Klavierteile zum Teil extrem virtuos und für den*die Pianist*in herausfordernd sind. Wie empfindet ihr die Singstimmen ihrer Lieder?
BB: Wenn wir die Kompositionsstile der beiden vergleichen wollen, so würde ich sagen, dass wir bei Clara eher einen transparenteren Klang haben.
ED: Ja, das sehe ich ähnlich. Bei Robert Schumann ist es fast orchestral gedacht. Es ist alles sehr dicht komponiert. Clara hingegen hat sehr kantable Vokallinien. Ich frage mich außerdem immer, wann und wie diese Power-Frau überhaupt Zeit und Muße zum Komponieren gefunden hat. Sie hat das ja alles parallel gemacht, acht Kinder großgezogen, ihr Mann war später dann in der Heilanstalt und sie hat sich dort um ihn gekümmert. Ich weiß gar nicht, wie sie überhaupt Luft zum Atmen hatte. Ich habe ja „nur” halb so viele Kinder. Wie gut muss diese Frau also strukturiert und organisiert gewesen sein, dass sie da überhaupt künstlerisch noch schaffend sein konnte? Und leider konnte sie in dieser Zeit ihre Möglichkeiten dann doch nicht so ausschöpfen, wie ein Mann es durfte. Und deshalb war es uns bei der Zusammenstellung dieses Programms auch ganz besonders wichtig, dass Clara als Komponistin hier stark präsentiert wird und nicht abfällt neben einem fraglos genialen Zyklus wie den Myrten. Deshalb haben wir uns auch zusammen mit Cornelius bewusst dazu entschieden, Claras Lieder in den Zyklus einzufügen, was sich bei einem Zyklus wie die Myrten natürlich auch anbietet.
BB: Es sind ja letztlich auch bei beiden die gleichen Themen – Liebe, Treue – das passt also sehr gut zusammen und greift ineinander.
ED: Ja, es ist einfach gute Musik – von Beiden. Und sie lassen sich auch wirklich gut singen, sowohl Clara als auch Roberts Lieder.
BB: Es ist einfach eine wunderschöne Liebesgeschichte!
Titelfoto: Matthias Baus
Apr 2026
https://www.staatsoperstuttgart.de Staatsoper Stuttgart Oberer Schloßgarten 6, 70173 Stuttgart

Do
9
19:30
Staatsgalerie Stuttgart
25 € | Verkauf über Internationale Hugo-Wolf-Akademie
Besetzung