Klaus Zehelein über

Stuttgart, sein Publikum und das Intendanten-Dasein

Unter dem Titel „Unerhörte Augenblicke“ hat der ehemalige Stuttgarter Opernintendant Klaus Zehelein seine Autobiographie veröffentlicht, die er am 18. Januar im Opernhaus vorstellen wird. Im Folgenden veröffentlichen wir exklusiv zwei Auszüge aus dem Buch – über Stuttgart als Stadt, das hiesige Publikum sowie über die ganz besonderen Herausforderungen eines Opernintendanten.
Wer von Frankfurt und Hamburg aus nach Stuttgart kommt, dem wird die Schwabenmetropole im Vergleich überschaubarer, ja beschaulicher vorkommen. Stuttgart ist zweifelsohne eine Großstadt. Aber auf den ersten Blick doch nicht so offen mit der Welt vernetzt wie die ausufernde Rhein-Main-Region oder die internationale Hafenstadt Hamburg. Stuttgart liegt in einem Kessel. Das Stadtmarketing erfand dafür seinerzeit den Slogan von der „Großstadt zwischen Wald und Reben“. Es scheint, als habe diese nach außen hin natürlich begrenzte und abgeschlossene Lage auch eine Mentalität hervorgebracht, die Grenzüberschreitungen ins Weltoffene stets vom sicheren Boden des heimatlich Gewachsenen aus vornimmt. Bis heute sprechen die Stuttgarter:innen von dem Bundesland, in dem sie leben, als ihrem „Ländle“, mögen Mercedes, Porsche und die „kleinen“ schwäbischen Familienbetriebe auch weltweit ihre Geschäfte machen und die dort Arbeitenden aus allen Ecken Europas und darüber hinaus nach Stuttgart kommen. Honoratiorenschwäbisch als Mundart ist nahezu Pflicht, wenn man so richtig dazu gehören will in Stuttgart.

Die Stuttgarter Denkungsart zeichnet etwas Bodenständig-Beharrendes aus. Der aus der Armut der schwäbischen Untertanen in höfischen Zeiten geborene Fleiß und Erfindungsreichtum und auch die Sparsamkeit haben sich hier ebenso zum Habitus entwickelt wie der aus dem schwäbischen Pietismus hervorgegangene Hang zu Rechtschaffenheit, Selbstbefragung und Spekulation. Nicht zuletzt aber genießen die einstigen Untertanen der Herzöge und Könige von Württemberg heute gerne die Denkmäler der einstigen Herrschaft: Das alte und das neue Schloss, den langgestreckten Schlossgarten samt See und das Große und das Kleine Haus, die von Max Littmann 1909 bis 1912 erbaute Oper im Stil des Neoklassizismus und das Schauspielhaus, im Krieg zerstört und 1962 durch einen Neubau ersetzt. Ein Sinn für Repräsentation und fürs Repräsentative, natürlich im Rahmen des pietistischen Erbes, gehört auch zum Selbstverständnis und Selbstbewusstsein der Stuttgarter.

Dieses Selbstverständnis und Selbstbewusstsein sind im Stuttgarter Bürgertum reichlich vorhanden. Vielleicht verbunden mit einer kleinen Prise Selbstzweifel, ob die Leistungen, die sie begründen, auch andernorts entsprechend und genügend gewürdigt werden. Weshalb nach außen bisweilen eine gelinde Übertreibung der schwäbischen Vorzüglichkeiten angebracht erscheint, die aufkommende Selbstzweifel ersticken soll. „Der Schiller und der Hegel, der Uhland und der Hauff, die sind bei uns die Regel, die fallet gar net auf“, ist so ein Spruch, der mit seinem augenzwinkernden Übertreiben dem an sich selbst zweifelnden Selbstbewusstsein der Stuttgarter:innen Halt verleihen soll.

Es ist aber gerade die Unruhe des Zweifels, die Haltung und Bewusstsein des schwäbischen und speziell des Stuttgarter Bürgertums nie in Selbstgenügsamkeit und Selbstgerechtigkeit zurückfallen und stagnieren lässt, sondern ständig antreibt, über sich hinaus zu gehen. So entsteht jene Offenheit für Anderes und Neues mitten im Bodenständig-Beharrenden, für die das Stuttgarter Theaterpublikum berühmt ist.
Das Stuttgarter Publikum, speziell auch das Stuttgarter Opernpublikum, ist das beste der Welt. Das hört man oft Menschen sagen, die es wissen müssen. Und ich kann sagen, sie haben recht.

[...] Als ich einmal gefragt wurde, was denn die Aufgabe eines Intendanten im Kern ausmache, habe ich etwas vollmundig geantwortet: „Die Intendanz versucht, die unterschiedlichen und vielleicht auch berechtigten Eigeninteressen zusammenzuführen. Das ist die eigentliche Aufgabe eines Intendanten.“ Das ist nicht einfach und öfter erweist sie sich als unmöglich. Denn natürlich fühlen sich Sängerinnen und Sänger zurückgesetzt, wenn sie die Besetzung sehen und fragen: Warum stehe ich da nicht drauf? Warum bekomme ich nicht die Partie, die mir zusteht? In solchen Fällen haben Pamela Rosenberg und ich mit den Betroffenen vereinbart: „Wir werden mit großem Ernst versuchen, dass, wenn sie an einem anderen Haus diese Partie angeboten bekämen, wir sie dafür freistellen.“

Solche Anstrengungen zur Befriedigung von Konflikten haben nicht immer gereicht. Es gibt Interessen, die nicht zu harmonisieren sind. Die Agenturen der Gast-Sängerinnen und -Sänger wollen z. B. für ihre Klientel keine langen Proben, damit sie sie schnell in immer neue Engagements bringen können, bei denen sie dann ihre Provision kassieren können. Wenn Sängerinnen und Sänger dieses Profitdenken ihrerseits internalisiert haben, wird es ganz, ganz schwer.

Die Interessen, die hier aufeinandertreffen, treiben bisweilen die seltsamsten Blüten. In Frankfurt kam eine Sängerin zu mir und sagte, sie will raus aus dem Festvertrag. In Zürich bekomme sie jene Partien zu singen, die wir ihr nicht anböten. Wir stimmten der Aussetzung des Vertrags zu – mit Ausnahme von „Freischütz“-Vorstellungen, in denen sie die Agathe sang. Nach einem halben Jahr kam sie zurück und jammerte, sie habe jetzt erfahren, dass sie die Partien auch in Zürich nicht singen wird. Da sitzt du da und fragst dich, wie du reagieren sollst. „Wissen Sie was“, habe ich schließlich gesagt, „Sie hören jetzt auf zu heulen, gehen in Ihre Garderobe und bereiten sich vor. Sie haben heute Abend noch eine Vorstellung bei uns.“ Ein anderer, härterer Fall: Ein Tenor kommt zu uns ins Büro und sagt, er habe plötzlich solche Scham, vor Publikum zu stehen. Er könne das nicht mehr. Pamela Rosenberg hat er Geschichten aus seiner Kindheit erzählt, die das gleichsam psychoanalytisch unterfüttern sollten. Wir lösen also den Vertrag auf. Ein halbes Jahr später sieht ihn Pamela in Wien putzmunter und selbstbewusst auf der Bühne stehen. Er wollte nur raus aus dem Vertrag mit uns und hat dafür die ganze Geschichte erfunden.

Geschichten wie diese könnte ich viele erzählen, auch Geschichten von Anfeindungen und Beschimpfungen. Sie erwachsen aus der Unvereinbarkeit von Interessen, die zum internationalen Opernbetrieb, wie er ist, dazu gehören. Deshalb, so möchte ich ergänzen, sind Intendant:innen nicht nur diejenigen, die unterschiedliche Interessen zusammenführen, sondern sie sind auch, im Falle ihrer Unvereinbarkeit, ein Prellbock, der in einer solchen Situation: „Stop!“ sagt. „Bis hierher und nicht weiter! Jetzt wird so oder so entschieden!“
Die Intendanz, so habe ich es immer verstanden, muss den Mut haben, das Risiko autoritativer Entscheidungen zu tragen. Das bedeutet nicht ein Lob der einsamen Entschlüsse. Entscheidungen, für die ich einstehen musste, sind immer aus ausführlichen Erörterungen im Leitungsteam hervorgegangen. Und natürlich wollten diese Entscheidungen argumentativ begründet sein. So habe ich es gehalten.

Das schützt die Intendant:innen aber nicht in jedem Fall davor, dass die von ihren Entscheidungen Betroffenen ihren Frust und ihre Wut an ihnen ablassen. Mir war früh bewusst, dass zu den unterschiedlichen Rollen eines Intendanten auch die des Prellbocks gehört. Das Mitbestimmungsmodell am Schauspiel Frankfurt war meines Erachtens mit daran gescheitert, dass es keine Person gab, die diese Rolle übernehmen wollte. Ich habe in dieser Rolle stets die notwendige Kehrseite zur autoritativen Entscheidungsgewalt gesehen. Die Rolle des Prellbocks ist bisweilen schmerzhaft und es braucht viel psychische Energie, um damit umzugehen. Aber das ist in Ordnung so.

Mehr über das Buch

Klaus Zehelein
Unerhörte Augenblicke. Autobiographie
Herausgegeben von Günther Heeg
Verlag Theater der Zeit
Hardcover mit 280 Seiten
€ 22,–
ISBN: 978-3-95749-561-7

Erhältlich im Theatershop und im Buchhandel

Unerhörte Augenblicke

Präsentation der Autobiographie Klaus Zeheleins
Jan 2026
https://www.staatsoperstuttgart.de Staatsoper Stuttgart Oberer Schloßgarten 6, 70173 Stuttgart

So
18
19:30
Opernhaus
5 €