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27.07.2026 „Rhythmus und Töne gehen tiefer als jeder Gedanke“
„Rhythmus und Töne gehen tiefer als jeder Gedanke“
Ivo Van Hoves „I Did It My Way“ basiert auf der Musik von Nina Simone und Frank Sinatra und ist ab Herbst in neuer Besetzung zurück auf der Stuttgarter Opernbühne. Erzählt wird die Geschichte einer Trennung, eines Morgens verlässt die Frau das gemeinsame Haus. Keine Erklärung, kein Streit – sie geht, weil sie dort nicht mehr glücklich ist. Der Mann bleibt zurück, verliert sich im Trennungsschmerz und lebt in der Vergangenheit. Schauspieler Mark Waschke erzählt im Interview, wie er sich dieser Rolle annähert.
Die szenischen und musikalischen Proben zu diesem Stück beginnen erst Ende September in Stuttgart. Wie bereiten Sie sich im Vorfeld auf dieses Projekt vor?
Die wunderbare Musik von Frank Sinatra und Nina Simone immer wieder zu hören, ist die beste Vorbereitung. Und ich freue mich sehr darauf, gemeinsam mit der tollen Aisata Blackman, die die Nina-Simone-Songs performt, die Sinatra-Songs zu singen und zu tanzen. Gerade weil es im Stück außer den Songtexten keine Dialoge gibt, kann sich hier ein Kosmos entfalten, der über die Welt des Liebens in Zweierbeziehungen hinausgeht und der sinnlich und unterhaltsam zugleich auch politische und gesellschaftliche Fragen berührt. Ansonsten: in den Körper hinein zu spüren, neugierig und empfänglich zu bleiben für alles, was da passiert und sich artikulieren will.
Welchen Stellenwert spielt Musik in Ihrem Leben?
Musik begleitet mich durchs ganze Leben, jeden Tag – auch solche, die nicht komponiert ist: Töne, Klänge, Geräusche und Atmosphären. Und auch die Stille wahrzunehmen, aus der alles kommt und in die alles zurückkehrt, ist eine Praxis, die ich sehr schätze. Es gibt eine Theorie, dass die Menschen erst übers Singen die Sprache entwickelt haben. Rhythmus und Töne gehen tiefer als jeder Gedanke.
I Did It My Way ist inspiriert von der Musik Nina Simones und Frank Sinatras. Es ist die Emanzipationsgeschichte eines Paares, das aneinander vorbeilebt, bis die Frau ihren Mann verlässt – erst dann erkennen sich beide selbst. Was verbindet Sie mit dieser Geschichte?
Wir laufen mit so vielen scheinbar selbstverständlichen Konzepten durch die Welt, die andere uns vorgelebt haben. Die „bessere Hälfte“ zum Beispiel: die Vorstellung, dass wir unvollständig zur Welt kommen und irgendwo da draußen der eine Mensch wartet, der Prinz, die Prinzessin, der uns erst ganz macht. Verhält es sich nicht eher umgekehrt? Wer sich selbst nicht liebt, sucht immer nur jemanden, der eine Lücke füllt oder einen Mangel behebt, und ist blind für die unberechenbare Präsenz des anderen. Das alles und sich selbst immer wieder grundlegend in Frage zu stellen, allgemein akzeptierte Gewissheiten tanzend aufzubrechen und mit der lustvoll spielerischen Kraft des Zweifelns permanente Transformationen zu ermöglichen, das hat nicht nur eine spirituelle, sondern auch eine politische Dimension.
Während einer Probe zu I Did It My Way in der Saison 2025/26: Auf der Bühne standen bei der ersten Aufführungsserie Larissa Sirah Herden und Lars Eidinger.
(Foto: Matthias Baus)
(Foto: Matthias Baus)
Im Stück geht es ums Verlassenwerden und um Einsamkeit. Ist Letzteres eines der großen Themen unserer Zeit?
In diesen Zeiten der Polarisierung und der digitalen Vereinzelung tut es gut, sich an die archaische, heilsame Kraft des Körperlichen zu erinnern. Und Stimme ist Körper, schafft Verbindung, transzendiert die innere und die äußere Welt. In einer Zeit, in der so viel darüber gestritten wird, wer was sagen darf und wer wofür geradestehen muss, hat das Singen und das Tanzen eine fast utopische Kraft: Ein tanzender Körper, der singt, behauptet nichts und verteidigt keine Position, er ist einfach da und verhält sich im Raum – und andere tun dort das Gleiche. Das ist keine Flucht vor dem Streit, sondern eine Erinnerung daran, wofür wir ihn eigentlich führen. Wir suchen die Begegnung, die Verschmelzung mit der anderen Person, um unsere Einsamkeit zu überwinden, und sind oft so blind für den Ort, wo alle Widersprüche verschmelzen und aus dem alle Liebesfähigkeit erst entspringt: den eigenen Körper.
Müssen die beiden im Stück sich erst verlieren, um sich wiederzufinden?
Um sich selbst verlieren zu können, muss man sich erst mal haben. Das setzt voraus, zu wissen, was und wer man ist. Wissen wir das wirklich? Wenn wir die Bilder, die wir uns von uns selbst und den anderen machen, loslassen, wird der Blick klar für die unverfälschte und auf eine schöne Weise eigentlich immer unbegreifliche Realität. So gelangen wir bisweilen vom Haben zum Sein: ja, um wirklich sein zu können, um wahrhaft zu lieben, hilft es, sich und alles loszulassen. Wer nichts erwartet, bekommt manchmal Geschenke.
Gehört es zu Ihren Stärken als Künstler, sich immer wieder neu zu erfinden?
Für mich geht es in der Kunst u. a. darum, mich selbst und den Vorschlag, den das Universum mit meiner Person macht, ganz ernst und wichtig zu nehmen – und gleichzeitig überhaupt nicht. „Ich bin nicht wichtig, aber was andere an mir wichtig finden, das ist wichtig” – das soll Peter Altenberg einmal gesagt haben. Der Blick in die innere Welt mit all ihren Abgründen ist auch immer der Blick nach außen in die soziale Welt hinein und umgekehrt. Das Private ist politisch, und alle Politik fängt im eigenen Körper an, im eigenen Verhalten, im eigenen Denken. Leben heißt Sehen, und Kunst kann helfen, den Blick zu schärfen oder in ungewohnte Richtungen zu werfen und scheinbare Gewissheiten zu erschüttern. Katharsis kann auch lustvoll und leidenschaftlich daherkommen und so nicht nur bewegen, sondern auch bestens unterhalten. Kunst kann und darf alles und lässt sich zum Glück nicht in Worte fassen.
I Did It My Way
Musiktheater von Ivo Van Hove basierend auf der Musik von Nina Simone und Frank Sinatra
Okt 2026
I Did It My Way
Do
8
19:30 – 21:15
Opernhaus
Opernhaus
Wieder im Repertoire
8 / 20,50 / 33 / 49 / 66 / 82 / 99 / 119 / 139 €
Besetzung
I Did It My Way
Besetzung
I Did It My Way
Besetzung
I Did It My Way
Besetzung
I Did It My Way
Besetzung
Dez 2026
I Did It My Way
So
6
19:30 – 21:15
Opernhaus
Opernhaus
Zum letzten Mal in dieser Spielzeit
8 / 22,50 / 38 / 52 / 69 / 89 / 108 / 128 / 152 €
Besetzung