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08.02.2026 Prügelfuge und Todesfuge
Prügelfuge und Todesfuge
Samstagabend im Stuttgarter Opernhaus: Es gibt Zwischenrufe in der „Meistersinger“-Premiere, mitten in der Rezitation eines Gedichts – was war da geschehen? Ein Versuch, die Reaktionen des gestrigen Abends einzuordnen von Johannes Lachermeier, Direktor Kommunikation der Staatsoper Stuttgart.
Premierenabend im Opernhaus: Die ersten beiden Aufzüge der Neuproduktion von Wagners Meistersingern von Nürnberg sind bejubelt zu Ende gegangen, das Publikum hat gerade wieder zum dritten Aufzug im Zuschauerraum Platz genommen.
Auf der Bühne sehen wir Hans Sachs in einem weißen Raum, den wir bereits aus den vorhergehenden Akten kennen, in der Mitte an einem Tisch sitzend. Um ihn herum auf dem Boden liegen die Meister, wie sie während der Ausschreitungen der Prügelfuge am Ende des zweiten Akts zu Boden gegangen sind.
Doch etwas hat sich verändert: Die Meister tragen nicht mehr die fröhlich-verspielten Karo-Muster der vorhergehenden Akte, sondern sind allesamt schwarz-weiß gekleidet. Die Stimmung hat sich radikal gewandelt. Als schließlich das Licht im Zuschauerraum ausgeht, erklingen zunächst nicht die tiefen, melancholischen Streicherklänge des Vorspiels zum dritten Aufzug, sondern ein Gedicht: Paul Celans berühmte Todesfuge. „Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends / wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts / wir trinken und trinken“... Der enigmatische, aber auch erschütternd präzise Text beschreibt die Gräuel des Holocaust in Bildern, wie sie in der Literatur der Nachkriegszeit einmalig sind. Paul Celan selbst liest diesen Text. Ein Moment, der tief berührt.
Was dann im Opernhaus passierte, beschäftigt mich nachhaltig. Bereits in die ersten Verse des Gedichts mischen sich vereinzelte Rufe aus dem Publikum: „Aufhören!“ – „Wir wollen Musik!“ Den wenigen Zwischenrufern stellen sich andere Stimmen aus dem Zuschauerraum entgegen, es wird gezischt. Doch der allergrößte Teil des Publikums hört gebannt der Stimme Paul Celans zu. „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. Am Ende großer, berührter Applaus auch als Reaktion auf die Zwischenrufe, mit wenigen Buhs durchsetzt. Die Musik des dritten Aufzugs der Meistersinger beginnt.
Aber was war da eigentlich geschehen? Regisseurin Elisabeth Stöppler lässt in ihrer Inszenierung auf die Prügelfuge die Todesfuge folgen. Auf die völlig enthemmte und sinnlose Schlägerei des zweiten Akts folgt ein Moment des Innehaltens, dann Sachsens große Depression: „Wahn, Wahn! Überall Wahn!“
Was dieser Moment aber auch beinhaltet: Das Aufeinandertreffen des Juden Celan mit dem Antisemiten Wagner. Die Konfrontation der hochvirtuosen, ja auch burlesken, v.a. aber fiktiven Ausschreitung der Johannisnacht mit dem, was Nationalchauvinismus, Gewalt und Verblendung in Deutschland real verursacht haben: den Holocaust.
In so einem Moment Zwischenrufe?
Verstehen Sie mich recht: Natürlich ist das Publikum der wichtigste Akteur jedes Theaterabends – und mitunter auch starke Reaktionen können und sollen zu einer Aufführung gehören. Ob im Zuschauerraum, im persönlichen Gespräch oder in Social Media: Wenn lebhaft und kontrovers diskutiert wird, ist das doch das schönste Zeichen für die Vitalität der Kunstform Oper. Als Haus scheuen wir uns weder vor Reaktionen noch vor Diskussionen.
Aber das Stören einer Aufführung? Insbesondere bei diesem Text? In der wohlmeinendsten Lesart zeugt das Verhalten der Zwischenrufer von Ignoranz und Gedankenlosigkeit, möglicherweise vom simplen Wunsch Wagner hören zu wollen. In der schlimmsten Lesart könnte dies aber auch bösartig ausgestellten Rechtsextremismus bedeuten.
Natürlich sind solche Zwischenrufe auch respektlos: Respektlos gegenüber den Künstler*innen auf der Bühne und im Graben, respektlos gegenüber den 1.403 anderen Personen im Zuschauerraum. Aber Respekt verdienen nicht allein die Personen in der unmittelbaren Umgebung, sondern insbesondere der Dichter Paul Celan. Als Literat und Überlebender des Holocaust.
Diese Zwischenrufe stellen nicht einfach eine Regieentscheidung in Frage, sondern stören einen mahnenden Moment an das größte Verbrechen der deutschen Geschichte. Ganz ehrlich: Mich haben diese Reaktionen in der gestrigen Premiere fassungslos zurückgelassen, den dritten Aufzug konnte ich nur mit einem sehr mulmigen Gefühl im Magen durchleben.
Dass das Ende der Aufführung dann jedoch fast uneingeschränkt mit Jubel und Standing Ovations gefeiert wurde, hat mich wiederum sehr glücklich gemacht. Am Ende habe ich nur eine Bitte: Lassen Sie uns lustvoll und mit Leidenschaft streiten und für unsere Standpunkte kämpfen. In der Oper, aber auch als Gesellschaft, im Zuschauerraum und anderswo.
Und lassen Sie uns vor allem respektvoll bleiben. Den Mitmenschen gegenüber, aber auch den Toten.
Auf der Bühne sehen wir Hans Sachs in einem weißen Raum, den wir bereits aus den vorhergehenden Akten kennen, in der Mitte an einem Tisch sitzend. Um ihn herum auf dem Boden liegen die Meister, wie sie während der Ausschreitungen der Prügelfuge am Ende des zweiten Akts zu Boden gegangen sind.
Doch etwas hat sich verändert: Die Meister tragen nicht mehr die fröhlich-verspielten Karo-Muster der vorhergehenden Akte, sondern sind allesamt schwarz-weiß gekleidet. Die Stimmung hat sich radikal gewandelt. Als schließlich das Licht im Zuschauerraum ausgeht, erklingen zunächst nicht die tiefen, melancholischen Streicherklänge des Vorspiels zum dritten Aufzug, sondern ein Gedicht: Paul Celans berühmte Todesfuge. „Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends / wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts / wir trinken und trinken“... Der enigmatische, aber auch erschütternd präzise Text beschreibt die Gräuel des Holocaust in Bildern, wie sie in der Literatur der Nachkriegszeit einmalig sind. Paul Celan selbst liest diesen Text. Ein Moment, der tief berührt.
Was dann im Opernhaus passierte, beschäftigt mich nachhaltig. Bereits in die ersten Verse des Gedichts mischen sich vereinzelte Rufe aus dem Publikum: „Aufhören!“ – „Wir wollen Musik!“ Den wenigen Zwischenrufern stellen sich andere Stimmen aus dem Zuschauerraum entgegen, es wird gezischt. Doch der allergrößte Teil des Publikums hört gebannt der Stimme Paul Celans zu. „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. Am Ende großer, berührter Applaus auch als Reaktion auf die Zwischenrufe, mit wenigen Buhs durchsetzt. Die Musik des dritten Aufzugs der Meistersinger beginnt.
Aber was war da eigentlich geschehen? Regisseurin Elisabeth Stöppler lässt in ihrer Inszenierung auf die Prügelfuge die Todesfuge folgen. Auf die völlig enthemmte und sinnlose Schlägerei des zweiten Akts folgt ein Moment des Innehaltens, dann Sachsens große Depression: „Wahn, Wahn! Überall Wahn!“
Was dieser Moment aber auch beinhaltet: Das Aufeinandertreffen des Juden Celan mit dem Antisemiten Wagner. Die Konfrontation der hochvirtuosen, ja auch burlesken, v.a. aber fiktiven Ausschreitung der Johannisnacht mit dem, was Nationalchauvinismus, Gewalt und Verblendung in Deutschland real verursacht haben: den Holocaust.
In so einem Moment Zwischenrufe?
Verstehen Sie mich recht: Natürlich ist das Publikum der wichtigste Akteur jedes Theaterabends – und mitunter auch starke Reaktionen können und sollen zu einer Aufführung gehören. Ob im Zuschauerraum, im persönlichen Gespräch oder in Social Media: Wenn lebhaft und kontrovers diskutiert wird, ist das doch das schönste Zeichen für die Vitalität der Kunstform Oper. Als Haus scheuen wir uns weder vor Reaktionen noch vor Diskussionen.
Aber das Stören einer Aufführung? Insbesondere bei diesem Text? In der wohlmeinendsten Lesart zeugt das Verhalten der Zwischenrufer von Ignoranz und Gedankenlosigkeit, möglicherweise vom simplen Wunsch Wagner hören zu wollen. In der schlimmsten Lesart könnte dies aber auch bösartig ausgestellten Rechtsextremismus bedeuten.
Natürlich sind solche Zwischenrufe auch respektlos: Respektlos gegenüber den Künstler*innen auf der Bühne und im Graben, respektlos gegenüber den 1.403 anderen Personen im Zuschauerraum. Aber Respekt verdienen nicht allein die Personen in der unmittelbaren Umgebung, sondern insbesondere der Dichter Paul Celan. Als Literat und Überlebender des Holocaust.
Diese Zwischenrufe stellen nicht einfach eine Regieentscheidung in Frage, sondern stören einen mahnenden Moment an das größte Verbrechen der deutschen Geschichte. Ganz ehrlich: Mich haben diese Reaktionen in der gestrigen Premiere fassungslos zurückgelassen, den dritten Aufzug konnte ich nur mit einem sehr mulmigen Gefühl im Magen durchleben.
Dass das Ende der Aufführung dann jedoch fast uneingeschränkt mit Jubel und Standing Ovations gefeiert wurde, hat mich wiederum sehr glücklich gemacht. Am Ende habe ich nur eine Bitte: Lassen Sie uns lustvoll und mit Leidenschaft streiten und für unsere Standpunkte kämpfen. In der Oper, aber auch als Gesellschaft, im Zuschauerraum und anderswo.
Und lassen Sie uns vor allem respektvoll bleiben. Den Mitmenschen gegenüber, aber auch den Toten.