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30.01.2026 Zurück ins Neue, immer wieder
Zurück ins Neue, immer wieder
Zukunft kommt aus Zunft plus Kunst. Zumindest in den „Meistersingern von Nürnberg“ des großen Nasedrehers Richard Wagner. Ein Essay von Albrecht Selge anlässlich der Premiere von Wagners Oper.
Eines der bezeichnendsten Zitate für die Gedankenwelt der Meistersinger von Nürnberg findet sich ausgerechnet in Wagners Siegfried: „Was der Meister nicht kann, vermöcht’ es der Knabe, hätt’ er ihm immer gehorcht?“ Diese Verse trotzt der schwer erziehbare Titelheld seinem Ziehvater Mime entgegen, als der ihn tadelt und belehrt, wie man das dollste Schwert der Welt korrekt zu schmieden habe; und es folgt auf Siegfrieds Antwort noch die herrliche Regieanweisung: „Dreht ihm eine Nase.“ Bei Wagner hängt immer alles mit allem zusammen. In die Arbeit an Siegfried, dem dritten Teil der Ring-Tetralogie, schob er mal eben die ungeheuren Kompositionen von Tristan und Isolde und den Meistersingern von Nürnberg ein. Und auch diese beiden Werke interagieren, etwa wenn Hans Sachs im 3. Aufzug der Meistersinger die überraschende Avance der jungen Eva zurückweist:
„Mein Kind,
von Tristan und Isolde
kenn’ ich ein traurig Stück:
Hans Sachs war klug und wollte
nichts von Herrn Markes Glück.“
von Tristan und Isolde
kenn’ ich ein traurig Stück:
Hans Sachs war klug und wollte
nichts von Herrn Markes Glück.“
Dazu erklingt im Orchester die Sehnsuchts-Chromatik des Tristan, musikalisch scheinbar exterritorial in der strahlenden C-Dur-Welt der Meistersinger, Hinweis auf Dunkleres. Abgründe und Absturzmöglichkeiten, wie sie freilich ohnehin in den Meistersingern angelegt sind, da brauchte es gar keine winkenden Zaunpfähle aus Cornwall und Kareol. Und so, wie Licht und Düsternis zusammenhängen, ist bei Wagner eben auch das revolutionär Vorwärtsdrängende mit dem (nicht nur politisch) Rückwärtsgewandten heillos verquickt. Nie aber war die „Zukunftsmusik“ so butzenscheibig wie in den Meistersingern. Man könnte geradezu sagen, dass Wagner demjenigen, der hier feinsäuberlich Alt und Neu voneinander scheiden will, nun ja, eine Nase dreht.
Die Festwiese in Hans Neuenfels’ legendärer Stuttgarter Inszenierung von 1994
(Foto: A.T. Schaefer)
(Foto: A.T. Schaefer)
Um das zu formulieren, hat natürlich der notorische Nietzsche, ambivalentester aller glühenden Wagnerianer, den dicksten denkbaren Ballon aufgeblasen, wenn er das Vorspiel der Meistersinger folgendermaßen beschreibt:
„Was für Säfte und Kräfte, was für Jahreszeiten und Himmelsstriche sind hier nicht gemischt! Das muthet uns bald alterthümlich, bald fremd, herb und überjung an, das ist ebenso willkürlich als pomphaft-herkömmlich, das ist nicht selten schelmisch, noch öfter derb und grob, – das hat Feuer und Muth und zugleich die schlaffe falbe Haut von Früchten, welche zu spät reif werden.“
Man kann aus diesem Ballon freilich auch ein bisschen Luft herauslassen, indem man die Dinge kapellmeisterlich-konkret betrachtet, wie es der Stuttgarter Generalmusikdirektor Cornelius Meister tut:
„Wagner charakterisiert das Neue und das Alte sehr fein, indem er verschiedene Ebenen, insbesondere Wort und Melodie, unterscheidet. Ein auffallender Unterschied gleich im ersten Aufzug ist zum Beispiel Stolzings schwingender Neunachteltakt, der auf die binären Vierteltakte, vor allem den Viervierteltakt, der Meistersinger um Kothner trifft.“
Walter von Stolzings erster Auftritt vor den Meistersingern von Nürnberg
(Quelle: Wiki Commons, Illustration from The Victrola book of the opera: Stories of one hundred and twenty operas, 1917. No known copyright restrictions)
(Quelle: Wiki Commons, Illustration from The Victrola book of the opera: Stories of one hundred and twenty operas, 1917. No known copyright restrictions)
Als altfränkischer Siegfried dreht er, der Ritter und nicht Handwerker ist, dem Regelwerk der Zunftkunst eine Nase
Ein Zusammentreffen, aus dem nicht nur musikalischer Zug, sondern ebenso die Dynamik der äußeren Handlung entsteht. Neun Achtel sind vielleicht auch erotisch animierender, findet zumindest Eva, denn es ist ja nicht allein das hehre Kunstschwert, das der unvermittelt Hereinbrechende da schwingt, dieser Walther von Stolzing (eine von Wagners dürftigeren Namenserfindungen, um ehrlich zu sein). Als altfränkischer Siegfried dreht er, der Ritter und nicht Handwerker ist, auch dem Regelwerk der Zunftkunst eine Nase, aber er ist überhaupt als vitalpropere Gesamterscheinung ein Gegenentwurf zur gediegenen Nürnberger Bürgerlichkeit. Solche durch tradierte Raster nicht fassbaren Erscheinungen führen immer wieder zu Eklats, die sich gewaschen haben: etwa 1952, als vor die literarische Gruppe 47 mit ihrer betont kahlen, kargen Nachkriegsprosa ein schwermütiger Lyriker trat, der seine hermetischen, dunklen Verse eindringlich, beinah singend vortrug; die deutschen Reaktionen auf diesen Paul Celan waren ignorant, ja brutal. Musikgeschichtlich legendär sind natürlich die deftigen Rambazambas anno 1913, in Paris bei Strawinskys Sacre du printemps (bei dem allerdings Nijinskys Ballettchoreografie noch empörender wirkte), in Wien beim „Skandalkonzert“ von Arnold Schönberg und seinen Schülern Alban Berg und Anton Webern. Und 1863, also ungefähr zur selben Zeit, da Wagner seine Meistersinger verfasste, wurde in Frankreich den regelbrechenden Akademismus-Verneinern namens Manet, Monet, Cézanne & Co. bei der wichtigsten Kunstausstellung des Landes beschieden, doch bitte mal die Türen der Pariser Salons von außen zuzumachen, bon débarras.
„Ganz unverständliche Melodei,
aus allen Tönen
ein Mischgebräu!“
aus allen Tönen
ein Mischgebräu!“
Wurde nun Celan, ein Holocaust-Überlebender, beinahe hundert Jahre später bei der Gruppe 47 sogar unfassbar als „rumänischer Tarzan“ verunglimpft, lautet das spontane Urteil über Walther von Stolzing in den Meistersingern: „Ganz unverständliche Melodei! Aus allen Tönen ein Mischgebräu!“ Dergestalt mäkelt Stadtschreiber Beckmesser, während Bäckermeister Kothner mondkalbig klagt: „Und gar vom Singstuhl ist er gesprungen!“ Nun sahen sich zwar vielleicht nicht die Kunstspießer von 1863 und 1913 als die wahren Progressiven, aber ganz gewiss taten das die alles Pathos ausfegenden Sprachreiniger von 1952 – und betrachteten den Fremdling Celan als eine Art Irrationalen aus dem Osten, aus erledigter Vergangenheit.
Walther von Stolzing nun beruft sich bei seinem eskalierenden ersten Auftritt in der Oper ausdrücklich auf seinen Namensvetter von der Vogelweide, der zur Zeit der Meistersingerkunst immerhin schon 300 Jahre tot war. Der große Innovator kommt, um es fußballdeutsch zu sagen, extrem aus der Tiefe des Raums. Zugleich läuft die Konfrontation zwischen den organisierten, pedantischen Kunstproduzenten und dem schwärmerischen, poetischen Ritter gerade darauf hinaus, dass beide Seiten sich letztlich öffnen, wie Cornelius Meister betont:
Walther von Stolzing nun beruft sich bei seinem eskalierenden ersten Auftritt in der Oper ausdrücklich auf seinen Namensvetter von der Vogelweide, der zur Zeit der Meistersingerkunst immerhin schon 300 Jahre tot war. Der große Innovator kommt, um es fußballdeutsch zu sagen, extrem aus der Tiefe des Raums. Zugleich läuft die Konfrontation zwischen den organisierten, pedantischen Kunstproduzenten und dem schwärmerischen, poetischen Ritter gerade darauf hinaus, dass beide Seiten sich letztlich öffnen, wie Cornelius Meister betont:
»Stolzing akzeptiert in seiner Unterredung mit Hans Sachs am Morgen des Johannistags, dass er sich nicht komplett außerhalb eines Regelwerks bewegen kann, und die Meistersinger lassen sich ihrerseits auf der Festwiese vom neuartigen Stolzing-Lied verzaubern. Wenn sich eine Gesellschaft gute Traditionen bewahrt und gleichzeitig offen für Progressives ist, muss sie sich um ihre Zukunft keine Sorgen machen.«
Enttäuscht und lädiert von der nächtlichen Prügelei besucht Beckmesser Hans Sachs und beklagt sich bei ihm (v.l. Gustav Neidlinger und Arwed Sandner in Die Meistersinger von Nürnberg, Badisches Staatstheater Karlsruhe, 1962/63)
(Quelle: Landesarchiv Baden-Württemberg, Generallandesarchiv Karlsruhe 57-3 Nr. 5796 / Fotograf: Gerd Weiss)
(Quelle: Landesarchiv Baden-Württemberg, Generallandesarchiv Karlsruhe 57-3 Nr. 5796 / Fotograf: Gerd Weiss)
Zurück in die Zu(ku)nft, sozusagen. Alt und Neu sind bei Wagner nicht einfach Gegensätze, sondern ein Spagat. Viel zitiert sind Wagners Bezeichnungen seiner Meistersinger als „angewendeter Bach“ und dergleichen. Solche Bemerkungen ließ er beispielsweise gegenüber seinen Kindern fallen, als er ihnen kurz nach einem häuslichen Bayreuther Klaviervorspiel 1878, also bereits zehn Jahre nach der Meistersinger-Uraufführung, anhand des Wohltemperierten Klaviers die Fugenform erklärte. Im Kern stehen dabei natürlich kontrapunktische Elemente des Vorspiels oder auch der Prügelszene. Konkreter hat der Musikwissenschaftler Martin Geck in einem Vortrag von 2013 die Meistersinger als „Musik über Musik“ interpretiert und dabei so verschiedene Elemente wie Kothners Tabulatur-Verkündigung, den Nachtwächter-Auftritt, das Vorspiel zum 3. Akt oder das betörende Quintett vor der Schlussszene betrachtet und darin neben Bezügen auf Bach unter anderem etliche auf Beethoven entdeckt. Neben diesem Versöhnungsprogramm des Alten und des Neuen, das die Erstarrung im Gegenwärtigen überwinden soll, hat der Kunstdiskurs in den Meistersingern aber noch andere Aspekte. Da ist der große Humor, etwa in Form jener anderen Zukunftsmusik, die der Komponist als solche vielleicht nicht intendiert hat, sondern die ihm gewissermaßen genialisch passiert ist. Schon manche*r Zuschauer*in dürfte den finalen Auftritt von Beckmesser („Morgen ich leuchte in rosigem Schein“) als neutönerischen Höhepunkt der Oper erleben. Auch Cornelius Meister findet:
„Wer Beckmessers Vortrag auf der Festwiese im 3. Aufzug mit dem Dadaismus des 20. Jahrhunderts in Verbindung bringt, wird seinen Text (’mit Augen zwinkend – der Hund blies winkend’), die nach herkömmlichen Gesichtspunkten falsche Rhythmisierung und die bürgerliche Konventionen des Vortrags sprengende Art der Darbietung für avantgardistisch halten.“
Wagners Oper als Sammelbild: Der Fleischextrakt-Hersteller Justus Liebig legte ab 1890 seinen Produktpackungen Sammelbilder bei – ein starkes Thema waren dabei populäre Opern, wie zum Beispiel dieses hier aus den Meistersingern von Nürnberg. (Quelle: Wiki Commons)
Pure gagaistische Wortkunst,
vielleicht auch konkrete Poesie
vielleicht auch konkrete Poesie
Pure gagaistische Wortkunst, vielleicht auch konkrete Poesie, ist ebenso Davids ellenlange Ersteinführung ins Meistersang-Handwerk gegenüber dem schwindelig-bestürzten Walther: gleich zu Beginn ein sprachkomödiantischer Höhepunkt der Meistersinger. Von absolutem Ernst ist das zentrale Thema Alt und Neu aber auch eine Frage um Sein und Nichtsein, wenn es um die existenzielle Grundlage der Kunst geht. Hans Sachs’ Ausführungen im 3. Aufzug, beginnend mit „Mein Freund, in holder Jugendzeit“, sind viel mehr als eine Verteidigung der Meisterzunft gegenüber Walther: Sie sind eine große Reflexion über kreatives Schaffen und dessen Gefährdungen und Bewahrung. Hier zeigt sich, dass es bei der Balance von Alt und Neu, von Regel und Neuschöpfung um alles geht: die Neubeatmung der Kunst wie die Neubeatmung des ganzen Lebens. Lebendig bleiben, das heißt, immer wieder neu lebendig zu werden. Der stets drohenden Versteinerung, ohne doch ins total Regellose zu stürzen, eine Nase zu drehen: Darum geht es, in der Kunst wie im Leben.
Albrecht Selge lebt als freier Autor und Musikkritiker mit seiner Familie in Berlin.
Dieser Beitrag erschien zuerst in der Nr. 2 2025/26 von Reihe 5, dem Magazin der Staatstheater Stuttgart.
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