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18.07.2026 Auf Wiedersehen, Heinz Göhrig!
Auf Wiedersehen, Heinz Göhrig!
Seit 1988 steht Heinz Göhrig als Ensemblemitglied auf der Bühne des Littmann-Baus, unzählige Rollen hat er in dieser Zeit verkörpert. Zum Ende dieser Spielzeit nun verabschiedet sich der Tenor in den Ruhestand – als Kaiser in der Aufführung von Puccinis „Turandot“. Ein Abschiedsgruß von Intendant Viktor Schoner.
Seien wir ehrlich: Diese Würdigung zu schreiben ist ein Ding der Unmöglichkeit. Sage und schreibe 1.549 Vorstellungen hat Heinz Göhrig seit 1988 allein in Stuttgart gesungen! Davon entfallen 110 Abende auf den Monostatos in der Zauberflöte in vier verschiedenen Produktionen, 80 auf den Dancaïre in Carmen, in 60 Vorstellungen verkörperte er den Goro in Madama Butterfly und 55mal den Pedrillo in Hans Neuenfels’ Inszenierung der Entführung! Nicht erwähnt habe ich dabei die rund 40 Neuproduktionen oder die fünf Intendanzen, die Heinz Göhrig „überlebt“ hat als festes Mitglied im Solistenensemble der Staatsoper Stuttgart. Seine erste Vorstellung hier im Littmann-Bau war die Tannhäuser-Premiere am 7. Mai 1988 in der Rolle des Heinrich des Schreibers – und seine letzte Vorstellung wird am kommenden Samstag der Kaiser in der aktuellen Neuproduktionsserie von Turandot sein.
Jahrzehnte an Lebenszeit, Stunden von Applaus, ganze Jahre von Probenarbeit, ein unendlicher Schatz von Anekdoten.
Vielleicht ist es ja Heinz Göhrigs wundervoller Humor, der ein wenig Aufschluss gibt über diese Jahrzehnte an der Staatsoper Stuttgart, und vielleicht kann ja ausgerechnet die Kartoffel symptomatisch dafür stehen, genauso wie für die Ironie unseres Genres: Denn sicherlich wird der Tenor Generationen von Stuttgarter Operngänger*innen in Erinnerung bleiben als der Patron der Kartoffel, der Grombira, des Erdapfels.
Jahrzehnte an Lebenszeit, Stunden von Applaus, ganze Jahre von Probenarbeit, ein unendlicher Schatz von Anekdoten.
Vielleicht ist es ja Heinz Göhrigs wundervoller Humor, der ein wenig Aufschluss gibt über diese Jahrzehnte an der Staatsoper Stuttgart, und vielleicht kann ja ausgerechnet die Kartoffel symptomatisch dafür stehen, genauso wie für die Ironie unseres Genres: Denn sicherlich wird der Tenor Generationen von Stuttgarter Operngänger*innen in Erinnerung bleiben als der Patron der Kartoffel, der Grombira, des Erdapfels.
„Zwangvolle Plage! Müh’ ohne Zweck!“ – Heinz Göhrig als Kartoffeln schälender Mime in Richard Wagners Siegfried, inszeniert von Jossi Wieler und Sergio Morabito. (Foto: A.T.Schaefer)
Es war im legendären Ring des Nibelungen in der Intendanz von Klaus Zehelein, es war Jossi Wielers/Sergio Morabitos genialer Zugriff auf den zweiten Tag der Tetralogie, den Siegfried. Allgemein gilt dieses Kammerspiel als der am wenigsten spektakuläre Teil. In Stuttgart hob sich 1999 der Vorhang, und wir sahen Mime, dargestellt von Heinz Göhrig, wie er Kartoffeln schält. Verzweifelt und fleißig, kleinbürgerlich und häuslich sitzt er da und beschreibt seine Gefühle. Und dabei schält er Kartoffeln, Berge von Kartoffeln. Das ist szenisch durchaus ein Gegenentwurf zu Wagners überwältigendem Klangapparat aus dem Graben, aber ganz im Sinne des Wortwitzes des Ton-Dichters Wagner besticht die Textverständlichkeit und die Raffinesse dieses Sängerdarstellers. Und damit bildet er ein Zentrum dieser ganzen Ring-Konzeption. Unvergesslich.
Und als wäre es geplant gewesen, treffen wir Heinz Göhrig 24 Jahre später wieder als den Meister der Kartoffel auf der Bühne des Littmann-Baus. Als Petrosilius Zwackelmann in der Uraufführung von Sebsatian Schwabs Der Räuber Hotzenplotz beklagt Heinz Göhrig sein Schicksal: Alle Zauberkünste seien ihm gewährt – außer ebenjene, Kartoffel magisch schälen zu lassen. Und da sitzt er wieder – und schält Kartoffeln, Berge von Kartoffeln. Aber in dieser Aufführung ist er nicht einsam wie der Mime im Siegfried, sondern er kann den ganzen Saal zu seinen Unterstützer*innen zählen. In 41 quasi ausverkauften Vorstellungen, also vor und mit 57.564 Zuschauer*innen, insbesondere jenen, die unter zehn Jahre Alter zählten, sang Heinz Göhrig die „Kartoffelarie“. Eine ausgewachsene Opernarie, aber auch ein echter Hit, ein Song, den die Kinder in Workshops erarbeiteten und dann in bester Bewunderung und Unterstützung von Petrosilius Zwackelmann sangesfreudig zum Besten gaben – und nie vergessen werden.
Und als wäre es geplant gewesen, treffen wir Heinz Göhrig 24 Jahre später wieder als den Meister der Kartoffel auf der Bühne des Littmann-Baus. Als Petrosilius Zwackelmann in der Uraufführung von Sebsatian Schwabs Der Räuber Hotzenplotz beklagt Heinz Göhrig sein Schicksal: Alle Zauberkünste seien ihm gewährt – außer ebenjene, Kartoffel magisch schälen zu lassen. Und da sitzt er wieder – und schält Kartoffeln, Berge von Kartoffeln. Aber in dieser Aufführung ist er nicht einsam wie der Mime im Siegfried, sondern er kann den ganzen Saal zu seinen Unterstützer*innen zählen. In 41 quasi ausverkauften Vorstellungen, also vor und mit 57.564 Zuschauer*innen, insbesondere jenen, die unter zehn Jahre Alter zählten, sang Heinz Göhrig die „Kartoffelarie“. Eine ausgewachsene Opernarie, aber auch ein echter Hit, ein Song, den die Kinder in Workshops erarbeiteten und dann in bester Bewunderung und Unterstützung von Petrosilius Zwackelmann sangesfreudig zum Besten gaben – und nie vergessen werden.
Heinz Göhrig singt
Die Kartoffel-Arie
des Petrosilius Zwackelmann aus „Der Räuber Hotzenplotz“
Wir hatten lange überlegt, ob wir Heinz Göhrig für die Familienoper besetzen sollen/können/dürfen. Der enorme Erfolg dieser Oper aber hat einmal mehr gezeigt, dass es die Besten braucht, um Familien für Oper zu begeistern, dass es der Ernsthaftigkeit, der Professionalität und der Bühnenerfahrung bedarf, die eben nur ein Heinz Göhrig hat, um einen enthusiastischen Saal von 1404 Kindern wieder in den Griff zu bekommen, um den ernsthafteren Szenen die Konzentration zu geben, die Musiktheater auch braucht.
Heinz Göhrig ist die wirklich sehr seltene Mischung aus einem sogenannten „Spieltenor“, der die Charakterfächer pointenreich darstellt, und einem lyrischen Tenor, der wirklich mit allen Wassern des Metiers gewaschen ist. Regisseure wie Hans Neuenfels liebten ihn, die Zusammenarbeit für den David in den Meistersingern und den Pedrillo in der Entführung war für Neuenfels unendlich inspirierend – und für Göhrig zumindest in der Kantine feuchtfröhlich. Jossi Wieler, Calixto Bieito, Stefan Herheim, Kirill Serebrennikov sahen in Heinz Göhrig das Paradebeispiel eines loyalen, immer vorbereiteten, immer wachen Partners für jede noch so verrückte Regieidee.
Heinz Göhrig war über 20 Jahre Ensemblesprecher und parallel Mitglied des Personalrats der Württembergischen Staatstheater. Das ist keine Nebensache, das zeigt institutionelles Engagement und Neugierde für die anderen Gewerke, für Tarifrecht und das Kleingeruckte – Heinz Göhrig war durch dieses Engagement über diese Jahrzehnte auch der Garant dafür, dass Bürokratisches nie die Überhand bekam über Künstlerisches! Essentiell, überlebensnotwendig sind diese (seltenen) Akteure in Kunst-Institutionen.
Für all dies und noch viel mehr wurde Heinz Göhrig im Jahre 1998 zum Kammersänger ernannt. Wir freuen uns, dass dieser Kammersänger auch noch als Rentner Teil unseres künstlerischen Schaffens sein wird: Sowohl bei den Meistersingern wie auch in Turandot in der kommenden Spielzeit wird er „seine“ Rollen verkörpern. Frei nach Alexander Kluge, der in seinem Text „Gespräch mit einem Kammersänger“ die Faszination dieses Berufs wie kein anderer beschrieb, werden wir also auch nächstes Jahr erleben, wie nach über 1.550 Vorstellungen dem Darsteller das Ende der Oper zwar bekannt ist, aber wir lernen auch: Es könnte ja auch ganz anders ausgehen, „weil ich [der Tenor] im ersten Akt den fünften Akt nicht kennen kann.“ Und diesen „Funken der Hoffnung“, den wird Heinz Göhrig ein weiteres Mal versprühen können ins Parkett, in die Ränge, in die Herzen des Publikums. Darauf freuen wir uns schon jetzt.
Lieber Kammersänger Heinz Göhrig, auch im Namen aller ehemaligen künstlerischen Leiter der Staatsoper Stuttgart, aller Regisseur*innen, aller Dirigent*innen, aller Mitarbeitenden und vor allem im Namen des Stuttgarter Publikums:
Danke für alles!
Heinz Göhrig ist die wirklich sehr seltene Mischung aus einem sogenannten „Spieltenor“, der die Charakterfächer pointenreich darstellt, und einem lyrischen Tenor, der wirklich mit allen Wassern des Metiers gewaschen ist. Regisseure wie Hans Neuenfels liebten ihn, die Zusammenarbeit für den David in den Meistersingern und den Pedrillo in der Entführung war für Neuenfels unendlich inspirierend – und für Göhrig zumindest in der Kantine feuchtfröhlich. Jossi Wieler, Calixto Bieito, Stefan Herheim, Kirill Serebrennikov sahen in Heinz Göhrig das Paradebeispiel eines loyalen, immer vorbereiteten, immer wachen Partners für jede noch so verrückte Regieidee.
Heinz Göhrig war über 20 Jahre Ensemblesprecher und parallel Mitglied des Personalrats der Württembergischen Staatstheater. Das ist keine Nebensache, das zeigt institutionelles Engagement und Neugierde für die anderen Gewerke, für Tarifrecht und das Kleingeruckte – Heinz Göhrig war durch dieses Engagement über diese Jahrzehnte auch der Garant dafür, dass Bürokratisches nie die Überhand bekam über Künstlerisches! Essentiell, überlebensnotwendig sind diese (seltenen) Akteure in Kunst-Institutionen.
Für all dies und noch viel mehr wurde Heinz Göhrig im Jahre 1998 zum Kammersänger ernannt. Wir freuen uns, dass dieser Kammersänger auch noch als Rentner Teil unseres künstlerischen Schaffens sein wird: Sowohl bei den Meistersingern wie auch in Turandot in der kommenden Spielzeit wird er „seine“ Rollen verkörpern. Frei nach Alexander Kluge, der in seinem Text „Gespräch mit einem Kammersänger“ die Faszination dieses Berufs wie kein anderer beschrieb, werden wir also auch nächstes Jahr erleben, wie nach über 1.550 Vorstellungen dem Darsteller das Ende der Oper zwar bekannt ist, aber wir lernen auch: Es könnte ja auch ganz anders ausgehen, „weil ich [der Tenor] im ersten Akt den fünften Akt nicht kennen kann.“ Und diesen „Funken der Hoffnung“, den wird Heinz Göhrig ein weiteres Mal versprühen können ins Parkett, in die Ränge, in die Herzen des Publikums. Darauf freuen wir uns schon jetzt.
Lieber Kammersänger Heinz Göhrig, auch im Namen aller ehemaligen künstlerischen Leiter der Staatsoper Stuttgart, aller Regisseur*innen, aller Dirigent*innen, aller Mitarbeitenden und vor allem im Namen des Stuttgarter Publikums:
Danke für alles!
Weitere Stimmen zum Abschied von Heinz Göhrig
"Als ich 1991 die Arbeit an der Staatsoper Stuttgart aufgenommen habe, empfand ich das dort schon agierende Ensemblemitglied Heinz Göhrig als einen Glücksfall. Er war ein Bühnenpferd! Er spürte so viel Lust an seinem Job! Die Bandbreite seiner Rollen war gross. Regisseur*innen arbeiteten gern mit ihm, weil er bei der Gestaltung seinen Figuren total mitmachte, sei es als Scaramuccio in Ariadne auf Naxos, als David in Die Meistersinger, als Eumete/L’Humana fragilitá in Il Ritorno d’Ulisse in Patria oder als Mime in Siegfried. “Sein” Mime bleibt unvergesslich. Ein toller Kollege und ein tolles Ensemblemitglied!"
Pamela Rosenberg
Stellvertretende Intendantin und Künstlerische Betriebsdirektorin 1991-2000
Stellvertretende Intendantin und Künstlerische Betriebsdirektorin 1991-2000
"Die Präsenz von Heinz Göhrig ist mir auch heute noch, nach über 15-20 Jahren in bester Erinnerung. Zum Beispiel gab es 2007 ein sogenanntes „Zeitoper“ Projekt, das als Stationendrama in der U7spielte – mit Heinz Göhrig als Fahrgast mit Namen Waldau. Unvergessen sein Pokerface und seine „stille“ Performance. Sein Dancaïre in der Carmen, mit Sebastian Nübling erarbeitet, sein Steuermann in Bieitos Holländer-Inszenierung, der Triquet in Eugen Onegin, als Wirt und Haushofmeister im Rosenkavalier von Stefan Herheim oder als Kuligin in Jossi Wieler und Sergio Morabitos Katja Kabanowa und viele andere Rollen sind mir unvergesslich – ein reiches, über viele Jahre immer mit künstlerischem Anspruch und Professionalität für das Ensemble der Staatsoper Stuttgart gelebtes Sängerleben. Ich wünsche Heinz Göhrig von Herzen alles Gute und danke ihm für die fünf Jahre, die ich mit ihm zusammenarbeiten durfte."
Albrecht Puhlmann
Intendant der Staatsoper Stuttgart 2006-2011
Intendant der Staatsoper Stuttgart 2006-2011