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08.10.2026 Balladen von Liebe und Tod
1. Liedkonzert am 12. Oktober

Balladen von Liebe und Tod

Im ersten Liedkonzert der Saison präsentieren Itzeli del Rosario, Laura Orueta, Carmen Larios und Alberto Robert Lieder aus ihrer jeweiligen Heimat: Spanien und Lateinamerika. Im Interview mit Claudia Jahn-Schuster erzählen Itzeli del Rosario und Pianist Marco Rizzello, wie es zur Auswahl dieses sehr persönlichen Programms kam und was sie mit den Stücken verbindet.
Wie kam es zu diesem außergewöhnlichen, spanischsprachigen Programm?
Marco Rizzello: Die Idee zu diesem Programm haben Itzeli del Rosario und ich während unserer Probenarbeit an dem Musiktheaterstück hässlich as fuck letzte Spielzeit entwickelt. Für diese Produk­tion im JOiN, der Jungen Oper im Nord, haben wir das traditionelle mexikanische Lied La Llorona, das auch Teil dieses Liedkonzerts ist, arrangiert. Dar­aufhin entstand der Wunsch, ein ganzes Konzert­programm mit spanischsprachigen Liedern zu konzipieren. Und da nicht nur Itzeli, sondern auch Alberto Robert aus Mexiko kommt, und zudem noch zwei spanische Sängerinnen im Opernstudio der Staatsoper Stuttgart sind – Laura Orueta und Carmen Larios – entstand die Idee, gemeinsam ein Liedkonzert zu gestalten.
Itzeli del Rosario: Auch wenn Marco eindeutig der Motor hinter diesem Programm ist, ist es für uns beide ein Herzensprojekt und mit viel Liebe verbunden. Ich selbst habe durch meine Familie, in der mehrere Mitglieder Folk-Sänger*innen und Musiker*innen sind, eine sehr enge Verbindung zur tra­ditionellen mexikanischen Musik. Auch in diesem Konzertprogramm sind Lieder dabei, mit denen ich in Mexiko aufgewachsen bin. In Mexiko gibt es eine sehr starke und lebendige Folklore-Tradition, zu der Lieder wie La Llorona gehören.
Der Titel dieses Konzerts lautet Baladas de amor y muerte, also Balladen von Liebe und Tod. Wie kam es zu dieser Wahl?
MR: Zum einen bezieht sich der Titel auf eine Zeichnung des spanischen Künstlers Francisco de Goya mit dem Titel El amor y la muerte aus dem Zyklus „Los Caprichos“, zum anderen, und damit zusam­menhängend, auf die Oper Goyescas von Enrique Granados, die von Goyas Zeichnungen inspiriert ist und aus der wir die Arie La maia y el ruiseñor in diesem Programm präsentieren. Im Zentrum dieses Konzertprogramms stehen die unterschiedlichen Facetten der Liebe und des Todes. Wir möchten die verschiedenen Gefühlszustände, die mit ihnen ver­bunden sind, thematisieren — von Verliebtsein und tiefer Leidenschaft bis hin zu Angst und Verzweiflung. Zu Beginn haben wir das Lied Preludios von Manuel de Falla, das eigentlich von einer Person gesungen wird. Für unser Konzert haben wir es auf zwei Frauenstimmen aufgeteilt — Sopran und Mezzosopran — die jeweils Mutter und Tochter repräsentieren.

Darauf folgt der Liederzyklus Poema en forma de canciones des spanischen Komponisten Joaquín Turina, den wir in mehrere Blöcke aufgeteilt haben, um die Lieder in einen lebendigen Dialog mit den anderen Stücken des Programms zu stellen. Laura Orueta, die diesen Zyklus singt, erscheint wie eine Art Erzählerin innerhalb des Programms, in dem zunächst die Liebe zweier Menschen im Fokus steht. Mit Estrellita erklingt ein sehr berühmtes mexikanisches Lied, gesungen von Alberto Robert, das einer großen Liebe gewidmet ist.
Laura Orueta, Carmen Larios und Alberto Robert gestalten das 1. Liedkonzert zusammen mit Itzeli del Rosario und Marco Rizzello.
Auch La Cigarra ist ein traditionelles mexikanisches Lied. Worum geht es in diesem Lied und welche Bedeutung hat es für euch?
IdR: La Cigarra ist das erste Lied, das ich in meinem Leben gesungen habe. Daher habe ich eine ganz persönliche Verbindung dazu. Der zentrale Satz lautet: Ich möchte singend sterben wie die Zikade. Das Arrangement zu diesem Lied hat ein Freund von mir gemacht, Jacobo Guzman. Die Gesangstechnik bei traditionellen mexikanischen Liedern ist etwas anders als beim klassischen Gesang. Bei den Liedern, die ich singe, verwende ich viel stärker meine Bruststimme. Ich empfinde es als eine tolle Möglichkeit, innerhalb des Liedkonzertes in Stuttgart auch mexikanische Musik singen zu können. Als Ensemblemitglied an der Staatsoper beschäftige ich mich natürlich sehr intensiv mit den anderen Sprachen, in denen ich singe. Aber bei Liedern in der Muttersprache ist man doch noch einmal ganz anders und ganz besonders involviert.
Marco, Sie begleiten das Programm am Klavier. Was ist für Sie als Pianist das Besondere an der Musik von Enrique Granados, Manuel de Falla und Joaquín Turina?
MR: Als Pianist ist es etwas ganz anderes, diese Musik zu spielen als das traditionelle Repertoire. Alle drei schreiben sehr virtuos. Und Enrique Granados war ein Ausnahmepianist, der einen sehr modernen Klavierstil entwickelt hat, der extrem virtuos, rhythmisch prägnant und harmonisch komplex war. Er behandelt das Klavier auf sehr orchestrale Art und Weise. Das bedeutet für mich als Pianist, dass ich in der Lage sein muss, das Klavier in ein Orchester zu verwandeln.
Abgesehen davon, gewissermaßen orchestral denken zu müssen, ist der Rhythmus eine ganz wichtige Komponente. Und auch da muss ich sehr flexibel sein und gleichzeitig der Sängerin oder dem Sänger so aufmerksam wie möglich zuhören. Jede einzelne Silbe ist wichtig — und als Pianist muss ich darauf reagieren können. Gerade bei den Tanzrhythmen, die in der Musik eine Rolle spielen, geht es darum, den traditionellen Charakter und die Tanzformen der Musik zu bewahren ohne die Sänger*innen einzuengen. Bei Alfonsina y el mar zum Beispiel gibt es einen Samba-Rhythmus, den es zu erhalten gilt, ohne der Stimme ihren Raum zu nehmen.
Gibt es ein Stück im Programm, das Ihnen persönlich besonders nahegeht?
IdR: Mein Lieblingsstück ist tatsächlich Alfonsina y el mar. Es ist eine Hommage an die argentinische Dichterin Alfonsina Storni, die ein schwieriges Leben hatte. Sie hat sich Ende der 1930er Jahre das Leben genommen, indem sie von einem Pier ins Meer gesprungen ist. Das Lied, das zu den bekanntesten Liedern Lateinamerikas zählt, beschreibt ihren Abschied und wie sie all ihren Schmerz hinter sich lässt. Dadurch wird es bei aller Tragik zu einem sehr ruhigen Lied. Es erschafft eine Fantasiewelt und eine poetische Sicht auf den Tod. Der reale Kern der Geschichte wird in dem sehr poetischen Text von Félix Luna gewissermaßen überhöht, oder kriegt zumindest eine eigene Färbung. So entsteht in dem Text eine Mischung aus Realität und Fantasie.
MR: Genau das finde ich so interessant, dass bei aller Tragik der Entstehungsgeschichte, das Stück sehr friedlich wirkt. Realität und Fantasie werden miteinander verbunden. Diese Verbindung findet man auch in der mexikanischen Oper, etwa im sogenannten Realismo mágico. Und wegen dieser Mischung ist Alfonsina y el mar für uns eine perfekte Brücke zu Gracias a la vida.
Das ist das Stück, mit dem das Konzert schließt: Gracias a la vida von Violeta Parra. Warum habt ihr euch für dieses Lied als Finale entschieden?
MR: Gracias a la vida vermittelt viele unterschiedliche Dinge. Auch dieses Lied ist mit einer tragischen Geschichte verbunden – die chilenische Künstlerin Violeta Parra hat sich kurz nachdem sie das Lied geschrieben hatte, das Leben genommen. Es ist ein Lied, das auf poetische Weise über Schönheit und Schmerz, Freude und Trauer reflektiert und das, ähnlich wie Alfonsina y el mar, zu den wichtigsten Lateinamerikanischen Liedern zählt. In den 1960er Jahren wurde es darüber hinaus auch fast so etwas wie eine Hymne für soziale Gerechtigkeit.
Der Text ist unglaublich kraftvoll. Parra nimmt die einfachsten Dinge des Lebens und sagt, dass sie für sie dankbar sei: für ihre Augen, mit denen sie die Sterne sehen kann, für ihre Stimme, für das Leben selbst. „Dank an das Leben, das mir soviel gegeben hat“. Durch die enge Verbindung mit ihrem Selbst­mord bekommt das Lied etwas Persönliches und weist auf sehr berührende Weise darauf hin, wie schnell wir Dinge als selbstverständlich betrachten. Gracias a la vida erinnert uns daran, dankbar für das Leben zu sein.
IdR: Für uns ist es auch ein Tribut an die Freund­schaft. Wir möchten die Musik mit dem Publikum teilen und hoffen, dass sie den Wunsch nach Leben weckt – den Wunsch, die Schönheit des Lebens bewusst wahrzunehmen.
MR: Das Lied verbindet sozusagen die beiden Strän­ge des Abends. Nachdem wir mit der Liebe begon­nen haben, gibt es nach Las locas por amor eine deutliche Wendung hin zum Tod. Und Gracias a la vida führt uns wieder in eine andere Richtung oder zurück zur Liebe und zur Dankbarkeit für das Leben. Deshalb ist das Stück für uns das perfekte Finale. Wir haben im Laufe des Konzerts sehr viele verschiedene Facetten des Lebens kennengelernt: Liebe, Leidenschaft, Aufregung, Angst, Verzweiflung und auch den Tod. Und am Ende steht die Dankbarkeit.
IdR: Und ganz abgesehen davon, gibt uns das Lied mit seinen Strophen die Möglichkeit, am Ende noch einmal alle Beteiligten des Liedkonzertes zusammenzubringen. Nein, im Ernst: Es ist ein schöner Bogen, der sich mit Gracias a la vida schließt. Zum Schluss geht es eben nicht nur um die Liebe und den Tod, sondern vor allen Dingen um das Leben. Und vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft: all diese Gefühle und all diese Facetten gehören zum Leben dazu – und gerade deshalb sollten wir nicht vergessen, es bewusst zu erleben und den Moment zu genießen.
Fotos: Matthias Baus

1. Liedkonzert

Balladen von Liebe und Tod
Okt 2026
https://www.staatsoperstuttgart.de Staatsoper Stuttgart Oberer Schloßgarten 6, 70173 Stuttgart

Mo
12
19:30
Opernhaus, Foyer I. Rang
Besetzung