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08.05.2026 Ein Abend der schwäbischen Dichter
Ein Abend der schwäbischen Dichter
Im 5. Liedkonzert dieser Spielzeit hat Moritz Kallenberg ausschließlich Werke schwäbischer Dichter – Justinus Kern, Friedrich Hölderlin und Eduard Möricke – im Programm, die von Robert Schumann, Benjamin Britten und Hugo Wolf vertont wurden. Im Interview mit Cornelia Weidner beschreibt der Tenor neben seiner persönlichen Beziehung zum Lied auch, was ihn gerade an diesen Künstlern besonders fasziniert.
Beim Lied ist es ja nun mal so, dass man das nicht einfach so zwischendurch machen kann. Dafür braucht man Zeit. Für mich geht das immer schlecht neben anderen Produktionen. Ich schiebe einen Liederabend ungern einfach so zwischen eine Zauberföten- und Giovanni-Vorstellung, weil ich mir gerne Zeit nehmen möchte, um das Repertoire gut vorzubereiten. Deswegen mache ich Lied eigentlich nur, wenn ich wirklich mal so zwei, drei Wochen Zeit habe, so wie jetzt. Für mich ist das auch einfach eine andere Art von Singen. Und darauf möchte ich mich dann voll und ganz konzentrieren können und dann mache ich das auch wirklich sehr gerne. Denn was ich am Lied generell so toll finde ist, dass man hier ja ganz viel, wenn nicht fast alles über die Sprache machen kann. Text fasziniert mich. Es ist daher auch kein Zufall, dass ich viel und gerne den Evangelisten in den Bach-Passionen singe. Da geht es eben auch ganz viel um den Text. Und im Lied, vor allem im romantischen, ist diese Intensität im Text quasi auf die Spitze getrieben. Das reizt mich unglaublich.
In der Oper gibt es natürlich auch Text. Aber da geht es eben auch um andere Dinge. Da gibt es noch so viele weitere Parameter, die man bedienen muss, da ist der Text nur ein Teil von vielen. Im Lied kann ich den Text ganz anders greifen, anders ausdeuten und habe da ganz andere Möglichkeiten als auf der Opernbühne. Wenn man sich dann so zwei, drei Wochen lang richtig hineinstürzen kann in diese Textarbeit, macht das einfach großen Spaß und ist richtig schön.
In der Oper gibt es natürlich auch Text. Aber da geht es eben auch um andere Dinge. Da gibt es noch so viele weitere Parameter, die man bedienen muss, da ist der Text nur ein Teil von vielen. Im Lied kann ich den Text ganz anders greifen, anders ausdeuten und habe da ganz andere Möglichkeiten als auf der Opernbühne. Wenn man sich dann so zwei, drei Wochen lang richtig hineinstürzen kann in diese Textarbeit, macht das einfach großen Spaß und ist richtig schön.
Begleitet dich das Lied schon länger? Bist Du bereits im Studium mit dem Liedgesang in Berührung gekommen? Oder ging das erst später los?
Ich bin ja im Knabenchor groß geworden. Da haben wir hauptsächlich erst mal die Oratorien rauf und runter gesungen. Damit bin ich aufgewachsen. Aber als ich so ganz kurz nach dem Stimmbruch war, hatten wir einen Stimmbildner bei uns im Knabenchor, der mich auf die Dichterliebe aufmerksam gemacht hat. Ich war da so 16, 17 Jahre alt und habe in dieser Zeit viel Motörhead gehört. Mein Gesangslehrer kam dann mal zu mir und hat mir Noten aus der Dichterliebe gegeben und meinte, dass ich das mal singen sollte. Es war das Lied „Ich grolle nicht“, was ich dann tatsächlich in einer ganz tiefen Fassung auch mal gesungen habe – Stimmbruch wie gesagt – und ich fand das dann gar nicht schlecht. Dann haben wir CDs getauscht – ich habe ihm meine Motörhead-CD gegeben und er mir eine Aufnahme der Dichterliebe, die ich dann immer wieder gehört habe. Ich fand das ganz cool – das war meine erste richtige Begegnung mit dem Lied.
Zu Hause hatten wir die klassischen Lied-Aufnahmen mit Hermann Prey und Fritz Wunderlich herumliegen. Die haben mich aber eher abgeschreckt, weil die auf den Covern immer so wahnsinnig steif ausgesehen haben mit Krawatte und so. Das fand ich wahnsinnig bieder und elitär und wollte auf gar keinen Fall so etwas machen.
Dieses Bild vom Lied oder vom Liedsänger hat sich dann erst im Studium etwas relativiert, als ich die Möglichkeit hatte, auch andere Liedkulturen kennenzulernen. Zuerst begegnen im Studium ja eher die Klassiker wie „Die schöne Müllerin“. Da schaut man als Student dann mal rein und probiert sich aus, aber eigentlich kann man das noch gar nicht singen, weil das ja alles wirklich super schweres Zeug ist.
Als ich dann aber mal geschaut bzw. kennengelernt habe, wie es mit der Liedtradition und dem Repertoire zum Beispiel im Spanischen oder im Englischen aussieht, da hat das Lied für mich seine Steifheit und Abgehobenheit verloren. Als ich dann selbst in dieses Repertoire reingeschnuppert habe, konnte ich mich von diesem klischeehaften, steifen Bild des intellektuellen Liedsängers loslösen. Da wurde es für mich dann nahbar und interessant. Letztlich ist der Gesang von einem Fritz Wunderlich oder auch Hermann Prey ja auch gar nicht steif. Dieses Image wurde nur durch die Bilder vermittelt. Was dadurch aber rübergekommen ist, hat mich persönlich gar nicht berührt. Dass da so ein Anspruch vermittelt wurde, dass man einen gewissen Intellekt haben muss, damit man dieses oder jenes Liedes würdig ist. Damit konnte ich mich nicht identifizieren.
Mein Gesangslehrer an der Musikhochschule Freiburg, der bis heute mein Lehrer ist, ist Brasilianer. Er hat mit uns sehr viel Lied gemacht, aber eben sehr viel nicht deutschsprachiges Lied. Da habe ich ganz viel spannendes Repertoire kennengelernt, was ich erst mal viel interessanter fand als das deutsche Lied. Die Beschäftigung mit dem vermeintlich klassischen deutschen Liedrepertoire hat bei mir also erst später begonnen, eigentlich erst so in den letzten Jahren. Und es ist immer noch so, dass ich zwar eine Dichterliebe oder eine Schöne Müllerin ganz toll finde, dass mich persönlich als Interpret aber immer noch eher ein Zyklus von Benjamin Britten reizt, weil das eben mein Zugang zum Lied war.
Zu Hause hatten wir die klassischen Lied-Aufnahmen mit Hermann Prey und Fritz Wunderlich herumliegen. Die haben mich aber eher abgeschreckt, weil die auf den Covern immer so wahnsinnig steif ausgesehen haben mit Krawatte und so. Das fand ich wahnsinnig bieder und elitär und wollte auf gar keinen Fall so etwas machen.
Dieses Bild vom Lied oder vom Liedsänger hat sich dann erst im Studium etwas relativiert, als ich die Möglichkeit hatte, auch andere Liedkulturen kennenzulernen. Zuerst begegnen im Studium ja eher die Klassiker wie „Die schöne Müllerin“. Da schaut man als Student dann mal rein und probiert sich aus, aber eigentlich kann man das noch gar nicht singen, weil das ja alles wirklich super schweres Zeug ist.
Als ich dann aber mal geschaut bzw. kennengelernt habe, wie es mit der Liedtradition und dem Repertoire zum Beispiel im Spanischen oder im Englischen aussieht, da hat das Lied für mich seine Steifheit und Abgehobenheit verloren. Als ich dann selbst in dieses Repertoire reingeschnuppert habe, konnte ich mich von diesem klischeehaften, steifen Bild des intellektuellen Liedsängers loslösen. Da wurde es für mich dann nahbar und interessant. Letztlich ist der Gesang von einem Fritz Wunderlich oder auch Hermann Prey ja auch gar nicht steif. Dieses Image wurde nur durch die Bilder vermittelt. Was dadurch aber rübergekommen ist, hat mich persönlich gar nicht berührt. Dass da so ein Anspruch vermittelt wurde, dass man einen gewissen Intellekt haben muss, damit man dieses oder jenes Liedes würdig ist. Damit konnte ich mich nicht identifizieren.
Mein Gesangslehrer an der Musikhochschule Freiburg, der bis heute mein Lehrer ist, ist Brasilianer. Er hat mit uns sehr viel Lied gemacht, aber eben sehr viel nicht deutschsprachiges Lied. Da habe ich ganz viel spannendes Repertoire kennengelernt, was ich erst mal viel interessanter fand als das deutsche Lied. Die Beschäftigung mit dem vermeintlich klassischen deutschen Liedrepertoire hat bei mir also erst später begonnen, eigentlich erst so in den letzten Jahren. Und es ist immer noch so, dass ich zwar eine Dichterliebe oder eine Schöne Müllerin ganz toll finde, dass mich persönlich als Interpret aber immer noch eher ein Zyklus von Benjamin Britten reizt, weil das eben mein Zugang zum Lied war.
Lieder von Benjamin Britten stehen ja tatsächlich auch heute auf dem Programm und zwar wirst Du die Hölderlin-Fragmente singen. Diese Lieder sind im Jahr 1958 entstanden und das sind tatsächlich die einzigen Lieder, die Britten auf Deutsch komponiert hat und die er angeblich in einem Interview sogar mal als sein bestes Vokalwerk bezeichnet hat. Was fasziniert Dich an diesen Liedern?
Auch hier war es zunächst der Text. Hölderlin fasziniert mich schon lange – seine Texte, aber auch seine Persönlichkeit. Im letzten Jahr hatte ich außerdem das große Glück, in Italien Brittens Rape of Lucretia machen zu können und ich habe in Finnland dann auch zum ersten Mal seine Serenade für Tenor, Horn und Streichorchester gesungen. Ich finde, dass es im 20. Jahrhundert keinen anderen Komponisten gibt, der so gut für Stimme schreibt wie Benjamin Britten. Er hat so ein Gespür für die Stimme. Sicherlich liegt das auch an seiner Partnerschaft und engen Zusammenarbeit mit dem Tenor Peter Pears. Aber Britten war auch wie kein anderer an der Praktikabilität seiner Musik interessiert. Das findet man sonst nirgends.
Friedrich Hölderlin, Pastell von Franz Karl Hiemer,
1792
1792
Und dann finde ich bei Britten auch so interessant, dass er zum einen zwar die Sprache des 20. Jahrhunderts spricht, zum anderen aber auch immer seine Wurzeln im Barock spürt. Man spürt hier die direkte Nachfolge von Henry Purcell. Britten komponiert sehr kontrapunktisch und immer in der Linie – also ganz wie es im Barock üblich war - was sich einfach wahnsinnig gut singen lässt. Und dennoch bzw. zugleich ist das Musik der Gegenwart, also der 1950er Jahre, und im 20. Jahrhundert verortet. Diese Gleichzeitigkeit von Modernität und barocken Formen finde ich super spannend.
Britten hat ja nun tatsächlich sehr viel für Tenor komponiert. Seine Partnerschaft mit Peter Pears haben wir ja schon erwähnt. Und es gibt die Hölderlin-Fragmente tatsächlich auch in einer Aufnahme mit Britten selbst am Klavier und Peter Pears, der singt. Hörst Du Dir sowas im Vorfeld bewusst an – oder eher nicht?
Wenn ich die Lieder selbst auf dem Programm habe, dann höre ich mir solche Aufnahmen nicht an. Wenn ich Lieder oder Stück neu kennenlerne, dann schon. Diese Britten-Lieder habe ich aber zum Beispiel nicht in der Aufnahm mit Peter Pears und Benjamin Britten kennengelernt, sondern mit Daniel Behle. Er hat diese Lieder mit dem Pianisten Oliver Schnyder eingespielt. Das ist eine tolle Aufnahme. Also zum Kennenlernen ist sowas immer hilfreich, aber wenn ich die Lieder dann selbst vorbereite, spielen Aufnahmen eigentlich keine Rolle.
In eurem Programm heute gibt es ja eine Art roten Faden, etwas das alle Lieder miteinander verbindet. Es sind alles Lieder auf Gedichte bedeutender Dichter aus dieser Region, aus Schwaben – Friedrich Hölderlin, Eduard Mörike und schließlich Justinus Kerner, den Robert Schumann in seinem Opus 35 vertont hat. Damit habt ihr einen Liederzyklus von Robert Schumann ausgewählt, der tatsächlich gar nicht so oft zu hören ist, im Vergleich zur Dichterliebe zum Beispiel oder zu den Eichendorff-Liedern. Was ist für Dich das Besondere an den Kerner-Liedern?
Was ich an diesen zwölf Liedern so sehr schätze, ist ihr Vielseitigkeit, gerade auch im Vergleich zum Beispiel zur Dichterliebe oder auch zum Eichendorff-Zyklus, die doch eher einen großen Stimmungsbogen erzählen. Hier haben wir es mit zwölf kleinen Miniaturen zu tun, die ganz unterschiedlich sind und die jede für sich steht. Natürlich machen wir die zwölf Lieder auch zusammen und sie wurden als ein Opus herausgegeben. Aber das sind ganz unterschiedliche Stimmungen, die hier erzählt werden, wahnsinnig vielseitig, und dennoch ergeben sie zusammen ein großes Ganzes. Das finde ich toll und total spannend. Und ich mag einfach die Grundstimmung dieser Lieder, die überhaupt nicht dunkel oder gar todbehaftet sind, wie wir es ja sonst oft bei romantischen Stücken haben. Das ist hier deutlich heller und positiver und das hat mich irgendwie abgeholt.
Justinus Kerner, Gemälde von Ottavio d'Albuzzi, 1852
Und da ich ja sowieso gerne abseits des allzu bekannten Repertoires bleibe, kam uns dieser Zyklus entgegen. Wir machen also zwar Schumann, ohne aber die allzu bekannten und immer, immer wieder zu hörenden Lieder zu machen, also einen Schumann, den man so vielleicht noch nicht kennt. Das reizt mich daran.
Ja, Kerner an sich war ja eine total spannende, vielseitige und tatsächlich auch etwas skurrile Persönlichkeit – Arzt, Dichter, Maler –, die heute eigentlich viel zu wenig bekannt ist und zu wenig wahrgenommen wird.
In der Tat finde ich, dass es da noch eine ganze Reihe schwäbischer Dichter gibt, Wilhelm Hauff, Gustav Schwab und viele mehr, die dazugehören und die eigentlich viel stärker wahrgenommen werden sollten.
Letztlich ist es Eduard Mörike, der uns heute noch am ehesten immer wieder begegnet, womit wir bei eurem dritten und letzten Programmteil wären, Hugo Wolfs Mörike-Liedern. Als Hugo-Wolf-Akademie freuen wir uns immer, wenn Lieder unseres Namenspatrons auf dem Programm stehen, und die Mörike-Lieder sind natürlich sein ganz großer Wurf. Wir dürfen uns auf eine Auswahl von sechs dieser insgesamt 53 musikalischen Preziosen freuen. Wie kam diese Auswahl zustande?
Eduard Mörike, Fotografie
Rita Kaufmann und ich hatten schon in unserem letzten Liedkonzert eine kleine Auswahl an Mörike-Liedern dabei und wollten da nun anschließen. Wir haben uns also weiter durch diese wunderbaren Lieder gearbeitet. Da kann man eigentlich alle machen und es ist eher schwer, welche wegzulassen. Die Auswahl der sechs Lieder kam dann auch maßgeblich von Rita Kaufmann – sie wollte unbedingt den Feuerreiter machen, also ist der dabei. Und ansonsten schauen wir einfach, was dann für unser nächstes Programm noch übrig geblieben ist.
Darauf freuen wir uns heute schon – und hoffen, dass ihr das dann auch bald realisieren könnt! Jetzt aber erst einmal Hölderlin, Kerner und Mörike mit großartiger Musik aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Ich danke Dir sehr für dieses schöne Gespräch und das spannende Liedprogramm.
Titelfoto: Mattias Baus
Apr 2026