Eine Reise zwischen Kontinenten, Zeiten und Erinnerungen

Zum 250-jährigen Jubiläum der amerikanischen Unabhängigkeit eröffnet Manfred Honeck eine künstlerische Perspektive auf Freiheit und Unabhängigkeit. Mit den kraftvollen Rhythmen der „4 Black American Dances“, den eigenwilligen Stücken von Erwin Schulhoff und der emotionalen Tiefe von Dvořáks „Aus der Neuen Welt“ kreiert er eine Reise durch Klangfarben und erzählt so musikalisch vom Geist der Unabhängigkeit. All das ist im 5. Sinfoniekonzert zu hören – ein Einblick in das Programm mit dem ehemaligen Stuttgarter Generalmusikdirektor am Pult.
Die Idee zu diesem Programm ist eng mit einem großen historischen Moment verbunden, dem 250-jährigen Jubiläum der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten. Mich hat dieser Gedanke sofort fasziniert, nicht nur politisch oder historisch, sondern vor allem künstlerisch. Wie lässt sich „Unabhängigkeit“ in Musik erzählen? Welche Klänge, welche Geschichten tragen diesen Geist in sich? So entstand ein Programm, das gewissermaßen einen Bogen spannt, von den 4 Black American Dances, die für mich unmittelbar mit der kulturellen Vielfalt und der lebendigen, oft auch schmerzvollen Geschichte Amerikas verbunden sind, bis hin zu Dvořáks 9. Sinfonie „Aus der Neuen Welt“.

Zwischen diesen beiden Werken steht Erwin Schulhoff, ein Komponist, den ich lange gar nicht so gut kannte, der mich aber umso mehr überrascht und begeistert hat. Schulhoff wurde in Prag geboren und war als junger Musiker von Antonín Dvořák gefördert worden. Gleichzeitig ist seine Musik etwas völlig Eigenständiges: mutig, manchmal provokativ, voller Witz und rhythmischer Energie. Gerade seine Fünf Stücke für Streichquartett, die im Kern Tänze sind, tragen für mich diesen Gedanken von Freiheit und Unabhängigkeit in sich. Sie lassen sich nicht festlegen, spielen mit Erwartungen und brechen sie zugleich.

Die Entscheidung, die Fünf Stücke für Streichquartett zu orchestrieren, kam mir, als ich in Pittsburgh diese fünf Stücke in ihrer ursprünglichen Fassung gehört habe. Ich wusste sofort, dass sie sich für eine Orchestrierung eignen. Mir kamen unmittelbar Ideen, mit welchen anderen Instrumenten sich diese Melodien gestalten ließen. Mich hat vor allem die enorme Farbpalette fasziniert, die in der Musik steckt. Im Streichquartett ist sie bereits angelegt, aber ich hatte das Gefühl, dass ein Orchester diese Farben noch deutlicher und leuchtender hervorbringen kann. Tatsächlich erlebe ich es oft, dass sich die Wahrnehmung eines Stücks je nach Reihenfolge verändert. Wer zuerst die orchestrierte Version hört, vermisst später manchmal die klangliche Fülle im Quartett. Wer jedoch das Original kennt, ist oft überrascht, wie viel zusätzliche Tiefe und Farbigkeit die Orchesterfassung freilegt.

Und dann ist da natürlich Antonín Dvořáks 9. Sinfonie. Ich glaube, ich könnte ohne Weiteres hundert Momente nennen, die mich berühren: angefangen vom Thema des ersten Satzes, oder das berühmte Englischhorn-Solo im zweiten Satz. Wenn ich jedoch einen Moment herausgreifen müsste, dann wäre es eine kurze Stelle im vierten Satz: in der plötzlich nur die Fagotte spielen, ganz schlicht, fast wie ein tschechisches Kinderlied. Ich stelle mir dabei immer vor, wie Dvořák, fern von seiner Heimat, in Amerika sitzt und sich an seine Kindheit in Prag erinnert.

So ist dieses Programm für mich eine Reise – zwischen Kontinenten, zwischen Zeiten, zwischen äußeren Einflüssen und inneren Erinnerungen. Vielleicht ist genau das die schönste Form von Unabhängigkeit in der Musik, dass sie all diese Räume miteinander verbinden kann.

Apr 2026
https://www.staatsoperstuttgart.de Staatsoper Stuttgart Oberer Schloßgarten 6, 70173 Stuttgart

So
19
11:00
Liederhalle, Beethovensaal
- / - / 26 / 32 / 39 / 45 €
Besetzung
https://www.staatsoperstuttgart.de Staatsoper Stuttgart Oberer Schloßgarten 6, 70173 Stuttgart

Mo
20
19:30
Liederhalle, Beethovensaal
- / 18 / 23 / 29 / 34 / 40 €
Besetzung