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01.04.2026 Rokoko meets Moderne

Rokoko meets Moderne

Diese Karmelitinnen sind ganz anders als erwartet: In „Dialogues des Carmélites“ treffen hohe Rokoko-Perücken und Reifröcke aus der Zeit von Louis XVI. auf poppige Prints und strenge Business-Outfits unserer Tage. Kostümbildnerin Julia Kornacka beschreibt hier, welche Inspirationen in ihre Entwürfe eingeflossen sind – und Maskenbildnerin Mareike Wohlfeld öffnet ihre Perückenschränke für uns.
Dass ein Nonnenkonvent anders gekleidet ist als die sie umgebende Welt, ist klar. Doch die Neuinszenierung der Dialogues des Carmélites von Ewelina Marciniak macht eine entscheidende Änderung. Wo normalerweise die Nonnen in ihrem Habit eine Art Uniform tragen, sind die Menschen außerhalb des Konvents individuell gekleidet. Doch dieses Mal sind die Rollen vertauscht.

„Im Stück sind es die Menschen außerhalb des Konvents, die – getrieben vom Streben nach Geld und Macht – eine anonyme, emotionslose Menge bilden. Dies wollten wir durch einheitliche Kostüme im Business-Stil wiederspiegeln, in die der Chor gekleidet ist,“ erklärt Julia Kornacka. „Zusätzlich tragen alle Sängerinnen die gleichen Perücken, um diese Uniformität zu komplettieren.“
Im Kontrast dazu stehen die Karmelitinnen, die im Stück nicht dem klassischen Nonnenbild entsprechen, sondern eine feministisch geprägte Frauengemeinschaft bilden. Sie haben ein ausgeprägtes Selbstwertgefühl, sind gebildet und leben im Einklang mit der Natur. Julia Kornacka beschreibt: „Sie tragen langes Haar als Symbol ihrer Kraft, sind mutig und kämpfen für ihre Rechte. Gleichzeitig sind sie sensibel und leben ihre Individualität und Spiritualität in der Kunst aus. Obwohl die Gemeinschaft für sie eine große Rolle spielt, ist jede Feministin eine eigenständige Persönlichkeit. Dies drückt sich in der Einzigartigkeit ihrer Kostüme aus. Tatsächlich habe ich meine Entwürfe nach dem Kennenlernen der einzelnen Darstellerinnen immer wieder verändert, um sie noch genauer auf ihren individuellen Charakter zuzuschneiden. Meine Herangehensweise speziell für diese Figuren war also sehr spontan. Bei allen Anproben waren auch Kolleg*innen aus der Maske anwesend, sodass wir direkt zusammen entscheiden konnten, welche Frisur bzw. Perücke am besten zum jeweiligen Kostüm passt. Überhaupt war die enge Zusammenarbeit der einzelnen Werkstätten wirklich beeindruckend und eine große Freude für mich.“
So vielfältig wie die Kostüme sind auch die unterschiedlichen Einflüsse, die Kornackas Entwürfe geprägt haben. Sie fand beispielsweise Inspiration im Buch Le Livre de la Cité des Dames (Das Buch von der Stadt der Frauen) der mittelalterlichen Feministin Christiane de Pizan, das als eines der ersten Werke der Frauenbewegung in der europäischen Literatur gilt. Es enthält zahlreiche Darstellungen mittelalterlicher Maler, deren Illustrationen reich an Symbolik und Alchemie sind – einige davon wurden als Drucke auf die Kostüme aufgebracht. Auch andere mittelalterliche Darstellungen von Frauen werden in ihren Entwürfen zitiert. Kombiniert werden diese mit Zitaten und Gedichten feministischer Schriftstellerinnen wie Andrea Gibson, die einzeln auf die Kostüme gestickt und gemalt wurden. Auch zeitgenössische Künstlerinnen und Modeschöpferinnen wie Vivienne Westwood, Vava Dudu und die Pussy Riots haben Kornackas Entwürfe beeinflusst. Materialien mit ausgeprägten Strukturen wiederum greifen die Nähe der feministischen Karmelitinnen zur Natur auf.
Doch auch die Mode aus der Zeit der Französischen Revolution taucht im Kostümbild auf: Figuren aus der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts in historischen Kleidern und Uniformen, komplett mit Rokoko-Perücken und Reifröcken, schaffen die Verbindung von den historischen Ereignissen der Handlung zur Gegenwart.

„Eine große Herausforderung für die Maske“

Mareike Wohlfeld, Leiterin der Maske für Oper und Ballett, hat die Produktion der Perücken für das Stück verantwortet und koordiniert nun auch die Schminkpläne für Dialogues des Carmélites. Sie berichtet über den Produktionsprozess und die Herausforderung, rechtzeitig zum Vorstellungsbeginn alle Darsteller*innen unter einen Hut – bzw. die Perücke – zu bringen.
Für die Rokoko-Perücken haben wir bestehende Exemplare aus dem Fundus wiederverwendet. Einige der weißhaarigen Perücken bestehen aus Büffelhaar, der Rest aus Kunsthaar. Es wäre aus Kostengründen nicht möglich gewesen, alle Perücken komplett neu herzustellen. Also haben wir vorhandene Allongeperücken – wie man sie von englischen Richtern kennt – verwendet und davon die langen Lockenpartien abgeschnitten. Anschließend haben wir aus Hasendraht die Basis für die neuen Perücken geformt, diese mit Tüll überzogen und dann die abgeschnittenen Locken darauf befestigt und hochfrisiert. Dies nimmt sehr viel Zeit in Anspruch, aber nur so konnten wir so viele Perücken produzieren und gleichzeitig im Kostenrahmen bleiben.
Hinzu kommt eine große Menge an schwarzhaarigen „Business“-Perücken für den Chor, die alle die gleiche Länge haben und für den Kostümwechsel während der Vorstellung durch die Rokoko-Perücken getauscht werden müssen. Auch dafür haben wir uns zunächst im Fundus bedient und nach Bedarf noch fertige Perücken aus Kunsthaar dazugekauft. Wir in der Maske müssen gewährleisten, dass im Scheinwerferlicht alle Perücken so aussehen, als seien sie aus dem gleichen Material – vor allem dürfen sie nicht glänzen, denn Menschenhaar erscheint im Scheinwerferlicht eher matt.
Die Perücken der Feministinnen bestehen ebenfalls teils aus Echthaar, teils aus Kunsthaar, doch der Unterschied ist zum Glück kaum zu sehen. Auch dort haben wir hauptsächlich auf unseren Fundus zurückgegriffen und vorhandene Perücken verlängert, da Echthaar sehr kostspielig ist – je länger, desto teurer. Insgesamt mussten wir 24 Rokoko-Perücken, 24 Business-Perücken sowie Perücken für 11 Feministinnen aus dem Damenchor und für 7 Feministinnen aus dem Ensemble bereitstellen. Dazu kamen noch 24 Rokoko-Perücken für den Herrenchor.
Das Konzept für das Kostümbild wurde bereits in der letzten Spielzeit abgegeben und noch mehrmals überarbeitet – die schwarzen Business-Perücken beispielsweise kamen erst hinzu, als wir schon in den Vorbereitungen steckten. Mit der eigentlichen Herstellung haben wir bereits während der Endproben zu den Meistersingern begonnen. Trotzdem war es zeitlich so knapp wie noch nie, denn es war das erste Mal, dass wir zwei so große Ausstattungsstücke so schnell nacheinander produziert haben – auch für die Meistersinger hatten wir ja ein sehr umfangreiches Kostümbild für eine große Anzahl an Darstellern. Hinzu kommt, dass wir zusätzlich zur Herstellung der neuen Perücken fast jeden Abend Vorstellungen betreut haben, bei denen ebenfalls Perücken zum Einsatz kamen, die danach wieder aufgefrischt und nachfrisiert werden mussten. Es war also wirklich eine große organisatorische Herausforderung.
Vor den einzelnen Vorstellungen müssen wir einen entsprechenden Puffer für die Maskenzeit einkalkulieren, denn vor dem Tragen der Perücken werden die eigenen Haare aller Darsteller*innen einzeln „geschneckelt“ – also eingedreht und eng am Kopf fixiert – damit sie unter den Perücken später nicht mehr zu erahnen sind. Dafür erstellen wir einen sogenannten Schminkplan. Üblicherweise brauchen wir den für den Damenchor nicht – die Sängerinnen kommen ca. eine halbe Stunde vor der Vorstellung ins Haus und das reicht in der Regel für Maske und Kostüm. Doch diesmal müssen wir minutengenau planen, damit alle Darstellerinnen rechtzeitig fertig werden, denn uns stehen nur knapp 15 Minuten pro Sängerin zur Verfügung. Hinzu kommt noch eine Reihe von Tänzerinnen, die ebenfalls Feministinnen darstellen und entsprechend ausgestattet werden.
Für eine Vorstellung der Carmélites sind jeweils 9 Maskenbildner*innen für den Chor im Einsatz, dazu kommen 2 für das Damen-Solo, 2 für das Herren-Solo und nochmal 4 für den Herrenchor. Insgesamt blieben uns nur wenige Proben vor der Premiere, in denen wir die Perücken- und Kostümwechsel in Echtzeit testen konnten. Besonders heikel ist die Szene am Ende des Stücks, wenn die Karmelitinnen durch die Blutdusche laufen: Die Künstlerinnen müssen die Perücken kurz vorher schnell selbst abnehmen, weshalb wir sie zuvor nur mir wenigen Nadeln befestigen können. Würden sie die Perücken unter der Blutdusche tragen, wäre es schier unmöglich, sie danach wieder in ihren ursprünglichen Zustand zu versetzen. Doch dank der Proben bekommen alle die notwendige Routine, damit bei den Aufführungen alles nach Zeitplan läuft.

Dialogues des Carmélites

Mär 2026
https://www.staatsoperstuttgart.de Staatsoper Stuttgart Oberer Schloßgarten 6, 70173 Stuttgart

So
29
17:00 – 20:00
Opernhaus
Premiere
Besetzung
Apr 2026
https://www.staatsoperstuttgart.de Staatsoper Stuttgart Oberer Schloßgarten 6, 70173 Stuttgart

Mi
1
19:00 – 22:15
Opernhaus
Besetzung
https://www.staatsoperstuttgart.de Staatsoper Stuttgart Oberer Schloßgarten 6, 70173 Stuttgart

Mi
8
19:00 – 22:15
Opernhaus
8 / 17 / 26 / 40 / 53 / 66 / 82 / 99 / 115 €
Besetzung
https://www.staatsoperstuttgart.de Staatsoper Stuttgart Oberer Schloßgarten 6, 70173 Stuttgart

So
12
15:00 – 18:15
Opernhaus
8 / 18,50 / 29 / 43 / - / 72 / 90 / 108 / - €
Besetzung
https://www.staatsoperstuttgart.de Staatsoper Stuttgart Oberer Schloßgarten 6, 70173 Stuttgart

Mi
15
19:00 – 22:15
Opernhaus
8 / 17 / 26 / 40 / 53 / 66 / 82 / 99 / 115 €
Besetzung
https://www.staatsoperstuttgart.de Staatsoper Stuttgart Oberer Schloßgarten 6, 70173 Stuttgart

Sa
18
19:00 – 22:15
Opernhaus
Zum letzten Mal in dieser Spielzeit
8 / 18,50 / 29 / 43 / 58 / 72 / 90 / 108 / 126 €
Besetzung