Unsere Saison 26/27 wird begleitet von den ausdrucksstarken Bildern der französisch-marokkanischen Künstlerin Rebecca Brodskis, in deren Zentrum die Darstellung menschlicher Figuren in einer klaren, kraftvollen Linienführung stehen. Doch wieso schlagen gerade ihre Motive die Brücke zum neuen Programm der Staatsoper?
Für diese Spielzeit wählt die Staatsoper erneut eine künstlerische Bildsprache als Weg in die Stadt – eine Ikonografie, die weniger behauptet als befragt. Denn wer die großen Frauenfiguren der kommenden Neuproduktionen betrachtet – von Violetta Valéry über Katerina Ismailowa bis hin zur Feldmarschallin aus Der Rosenkavalier –, erkennt einen wiederkehrenden Topos: den feinen Riss zwischen Innen und Außenwelt, zwischen Empfindung und Pose, zwischen dem erlebten Gefühl und der Rolle für und vor der Gesellschaft. Im flüchtigen Moment der Selbstbegegnung kreuzen sich Eigenblick und Fremdblicke und erzeugen ein oszillierendes Spannungsfeld. Aber was geschieht in jenem Spiegelkosmos, der unser Verhalten, unsere Gesten und letztlich unsere Selbstwahrnehmung formt – und aus ihr wiederum neue Masken hervorbringt?
Genau hier setzt die Malerei der französisch-marokkanischen Künstlerin Rebecca Brodskis an. Ihre Arbeiten kreisen um jene Kipppunkte, an denen das Sichtbare ins Unsichtbare umschlägt. Zwischen bewussten und unbewussten Räumen entfaltet sich ein Denken in Bildern, das die Grenzen der sinnlichen Welt befragt und das Selbst als etwas Durchlässiges
begreift; als einen Schwebezustand zwischen Realität und Imagination, Ordnung und Auflösung, Materialismus und Spiritualität. Brodskis’ Bilder antworten nicht – sie halten inne, sie öffnen, sie lassen bestehen: „Ich bin besessen von menschlichen Figuren“, sagt sie. „Für mich sind sie unendliche Landschaften … Je seltsamer, desto mehr verehre ich sie.“
Rebecca Brodskis vor ihrem Gemälde Dilemma in der © AMMA Fundación Amparo y Manuel in Mexico.
Geboren 1988 in Frankreich, lebt und arbeitet Brodskis heute in Paris. Ihre Kindheit war von Bewegung geprägt, von Ortswechseln zwischen Frankreich und Marokko – vielleicht der erste jener Zwischenräume, die ihr Werk bis heute durchziehen. Sie studierte Malerei an der Ecole des Beaux-Arts, Paris und an der Central St. Martins School in London; mit einem Master in Soziologie vertiefte sie ihren Blick auf Phänomene gesellschaftlicher Verletzlichkeit. Ihre Arbeiten sind international präsent und werden von der Galerie Kristin Hjellegjerde, Berlin / London vertreten.

Titelbild: The dinner party, 2022, von Rebecca Brodskis

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