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02.07.2026 „Vincerooooo!“
Essay
„Vinceeeeroooooooo!“
Ja, er wird siegen! Davon ist Prinz Calaf in „Turandot“ überzeugt! Am Ende einer endlos langen Nacht, in der die ganze Stadt verzweifelt versucht, seinen Namen zu erraten, wird er triumphieren – und Hand und Herz der Prinzessin erobert haben! Warum wir das Opern-Gassenhauer-Beben à la „Nessun dorma“ so dringend brauchen, erklärt uns Sarah-Maria Deckert.
Ins Theater geht man bekanntlich, um etwas zu erleben. Man sitzt still, möglichst unauffällig, und hofft insgeheim, dass es einen erwischt. Manchmal passiert das leise. Manchmal gar nicht. Und manchmal kommt »Nessun dorma«. Dann ist es vorbei mit der Distanz.
Diese Arie ist keine Hintergrundmusik. Sie ist ein Ereignis. Sie beginnt kontrolliert, beinahe höflich, als wollte sie sagen: Keine Sorge, ich bleibe bei mir. Und dann nimmt sie alles: Luft, Zeit, Aufmerksamkeit. Puccini hat hier ein musikalisches Gerät geschaffen, dass Spannung nicht einfach nur erzeugt. Es hält sie fest, dehnt und treibt sie bis zur Belastungsgrenze. Wer im Zuschauerraum sitzt, kennt dieses Warten auf das »Vincerò!«, als hinge davon etwas Persönliches ab.
Diese Arie ist keine Hintergrundmusik. Sie ist ein Ereignis. Sie beginnt kontrolliert, beinahe höflich, als wollte sie sagen: Keine Sorge, ich bleibe bei mir. Und dann nimmt sie alles: Luft, Zeit, Aufmerksamkeit. Puccini hat hier ein musikalisches Gerät geschaffen, dass Spannung nicht einfach nur erzeugt. Es hält sie fest, dehnt und treibt sie bis zur Belastungsgrenze. Wer im Zuschauerraum sitzt, kennt dieses Warten auf das »Vincerò!«, als hinge davon etwas Persönliches ab.
Oper will nicht subtil sein.
Oper will wirken
Oper will wirken
Physikalisch ist das schnell erklärt: steigende Lautstärke, zunehmende Dichte, eine Melodie, die sich nach oben schraubt. Emotional ist es komplizierter. »Nessun dorma« verspricht einen Sieg, der größer ist als die Handlung der Oper. Man muss den Inhalt von Turandot nicht kennen, um zu verstehen, was hier behauptet wird. Diese Musik sagt: Es wird gut ausgehen. Und zwar mit Ausrufezeichen. Warum solche Arien zu Gassenhauern werden, ist kein Rätsel. Sie funktionieren nach denselben Regeln wie Pop-Hits heute – nur ohne Scham vor Übertreibung oder Pathos. Wiedererkennbarkeit, klare Dramaturgie, ein Höhepunkt, der sich nicht versteckt. Oper will nicht subtil sein. Oper will wirken. Und sie will gehört werden.
»Nessun dorma« ist längst aus dem Opernhaus ausgebrochen, spätestens seit Paul Potts damit 2007 die britische Castingshow Britain’s Got Talent dominierte. Es hat dem »Song« den Ruf eingebracht, »zu bekannt« zu sein. Als wäre das ein Problem. Dabei war Popularität immer Teil dieser Musik. »La donna è mobile« wurde angeblich schon auf der Straße gepfiffen, bevor Rigoletto seine Uraufführung hatte. Und »Libiamo« aus Verdis La traviata ist ein Trinklied mit eingebautem Gemeinschafts- gefühl. Sogar die Königin der Nacht aus Mozarts Zauberflöte singt keine Koloraturen zur Anschauung musiktheoretischer und gesanglicher Möglichkeiten, sondern um den Raum zu übernehmen. Showstopper heißt nicht umsonst genau so.
Im Theater wird das besonders deutlich. Man spürt, wie der Raum reagiert. Wie sich Körper in den Sitzen nach vorn schieben. Wie das routinierte innere Augenrollen – »Ja, ja, jetzt kommt’s gleich« – kurz vor dem Einsatz des Schlusses aufhört. Und wie dann doch niemand immun bleibt. Selbst abgeklärte Operngänger*innen wissen: Hier gibt es nichts zu ironisieren. Ironie verliert gegen Überzeugung.
Im besten Fall ein Beben - im schlimmsten Fall ein Ohrwurm, den man nicht mehr los wird
Vielleicht liegt genau darin der Reiz dieser Arien: Sie sind vollkommen unzeitgemäß und gerade deshalb so gegenwärtig. In einer Kultur, die permanent reflektiert, kommentiert und absichert, stehen sie einfach da und behaupten etwas. Ohne Anführungszeichen. Ohne doppelten Boden. Das kann man pathetisch finden. Oder erstaunlich ehrlich.
»Nessun dorma« ist keine feine Musik. Sie ist gebaut, um etwas auszulösen. Im besten Fall ein Beben. Im schlimmsten Fall einen Ohrwurm, den man nicht mehr loswird. Aber auch das ist eine Form von Wirkung. Und im Theater, diesem Ort der kontrollierten Erschütterung, ist das vielleicht genau das, was man sich heimlich erhofft: dass es einen erwischt. Wieder einmal. Trotz allem.
Dieser Beitrag erschien zuerst in der Nr. 3, 2025/26 von Reihe 5, dem Magazin der Staatstheater Stuttgart.
Was ist überhaupt ein „Gassenhauer“?
Lt. Duden ist ein Gassenhauer ein ursprünglich auf der Straße gesungenes, sehr bekanntes – und oft triviales – Lied, später allgemein ein eingängiger Hit oder Schlager, quasi ein Ohrwurm, der „auf allen Gassen“ zu hören ist.