„… und unser Zauberstab ist unser Violinbogen.“ Davon war der Geiger Juliu Bertok fest überzeugt. Seine Tochter Andrea Reiß ist in seine Fußstapfen getreten: Seit 2005 bereits ist sie als Geigerin Mitglied des Staatsorchesters. Bei der Langen Nacht der Musik von Zuhause am 30. April wird sie zwei Stücke aus der Feder ihres Vaters aufführen. Ein Interview über Heimat, Musik und eine unerschütterliche Bindung zwischen Vater und Tochter.
Zunächst einmal: Wer war dein Vater eigentlich?
Juliu Bertok in jungen Jahren.
Mein Vater Juliu Bertok hatte ungarische Wurzeln und stammt aus Maramuresch, nördlich von Siebenbürgen. Er wurde am 9. Mai 1951 in Baia Mare im heutigen Rumänien geboren und war ebenfalls Profimusiker. Er studierte Geige in Cluj-Napoca (Klausenburg) / Siebenbürgen und bekam anschließend eine Anstellung als Konzertmeister in Craiova, wo er auch seine Familie gründete – meine Schwester und ich wurden hier geboren. Er war ein unglaublicher „Ton-Mensch“. Manchmal musste er auf seiner Geige nur einen Ton spielen und ich hab sofort geheult.
Dein Vater ist aus dem Kommunismus geflüchtet…
Ja richtig. Im damaligen Rumänien litten viele Menschen unter der Diktatur von Nicolae Ceaușescu, die sich über die lange Zeit von 1965 bis 1989 erstreckte. Viele Menschen flohen wegen der strengen staatlichen Überwachung und der Unterdrückung, wegen fehlender Meinungsfreiheit und wirtschaftlicher Not – so auch mein Vater. Dabei war eine solche Flucht ein gefährliches Unterfangen! Bei Scheitern drohten Gefängnis oder Zwangsarbeit, Todesgefahr beim Grenzübertritt oder Repressionen gegen die zurückgebliebenen Familien. Im Jahr 1986 schaffte er es dann über Umwegen dennoch nach Ulm und meine Schwester und ich sind mit meiner Mutter im Jahr darauf nachgekommen. Bei all den Strapazen hatte er immer seine Violine dabei – sie gab ihm Trost, Mut, Kraft und Hoffnung. Heute spiele ich auf seinem Instrument. Das ist sehr emotional für mich. Später zogen wir dann nach Aalen wo er weiterhin solistisch tätig war und unterrichtete – unter anderem auch mich! Er war ein wahnsinnig begabter Mensch, lebte oft in seiner eigenen Welt, und der Alltag war so gar nichts für ihn. Ich habe ihn abgöttisch geliebt und verdanke ihm unglaublich viel.
Juliu Bertok an seiner Geige, begleitet von seiner langjährigen Duo-Partnerin Imelda Asiaten.
© Konzert im Kornhaus, Ulm 1987
Dein Vater war Profimusiker, hat aber auch komponiert – wie hat er seine Werke gestaltet?
Alle Stücke sind Momentaufnahmen seines Lebens. In seinen Werken verarbeitete er alles Erlebte. Seine Musik ist teilweise modern, aber immer tonal. Oftmals ist sie folkloristisch und immer mit seiner Heimat verbunden.
Bei der Langen Nacht der Musik von Zuhause wirst Du zwei Stücke von Deinem Vater spielen, wie kam es dazu?
Juliu Bertok spät nachts beim Komponieren, um 2014.
Die Lange Nacht am 30. April nimmt Bezug auf die Uraufführung von Station Paradiso. Wie in Sara Glojnarićs Oper geht es auch bei uns um Musik, die auf ganz unterschiedliche Art und Weise von einem Zuhause erzählt. Als ich von diesem Thema gehört habe, war völlig klar, dass die Stücke meines Vaters wunderbar passen würden. So werde ich im Haus der Geschichte ADA – Back to the roots und Iancu Jianu spielen. Ersteres hat mir mein Vater zum Diplomabschluss an der Stuttgarter Hochschule für Musik und Theater geschenkt. Ich wollte etwas Modernes und gleichzeitig Persönliches in der Prüfung spielen. So habe ich ihn gebeten, mir etwas zu komponieren. Der Titel bezieht sich auf meinen Vornamen Andrea, und durch das komplette Werke hindurch zieht sich ein Motiv aus den Tönen a, d und a. Iancu Jianu wiederum komponierte er 1984 und es ist sehr rumänisch-folkloristisch aufgebaut. In Klöstern in Siebenbürgen wurde früher mit einem speziellen Trommel-Rhythmus zum Gebet aufgerufen. Diesen Rhythmus übernahm mein Vater in die Komposition und sie ist sehr deutlich in den Pizzicati zu erkennen. Iancu Jianu ist außerdem ein rumänischer Volksheld, eine Art Robin-Hood-Figur.
Dein ehemaliger Kollege Roland Heuer hat sechs der Stücke im Ikuro-Verlag veröffentlicht. Hast Du außerdem noch Pläne mit den Noten?
Ja richtig, ich habe gemeinsam mit Roland Heuer in der Gruppe der 2. Violinen gespielt. Neben seinem Beruf als Musiker hat er einen Notenverlag gegründet und irgendwann kam ich mit der Idee auf ihn zu, ein paar Stücke meines Vaters zu verlegen. Schon beim ersten Blick auf die Noten war er begeistert und ich habe das große Glück, dass er sich darauf eingelassen hat, das Material in seinen Verlag aufzunehmen. ADA – Back to the roots und Iancu Jianu, die beiden Werke, die ich bei der Langen Nacht spielen werde, können also auch vom Publikum beim IKURO-Verlag erworben und so daheim gespielt werden! Es ist an sich schon toll, dass die Werke so verewigt sind, mein Traum wäre es noch, sie eines Tages einzuspielen. Das wäre natürlich großartig!
Die Lange Nacht der Musik von Zuhause
Apr 2026
https://www.staatsoperstuttgart.de Staatsoper Stuttgart Oberer Schloßgarten 6, 70173 Stuttgart

Do
30
17:45 – 1:00
Diverse Veranstaltungsorte (siehe Programm)
Kombiticket: 36 € / Einzelticket: 15 €