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30.10.2026 Wir trauern um Gabriele Ferro

Wir trauern um Gabriele Ferro

Die Staatsoper Stuttgart trauert um ihren ehemaligen Generalmusikdirektor: Gabriele Ferro, der dem Haus von 1992 bis 1997 als musikalischer Leiter vorstand, ist am 29. Oktober im Alter von 88 Jahren verstorben. Ein Nachruf von Intendant Viktor Schoner.
Eine der Legenden, die man sich in der Staatsoper Stuttgart immer noch und immer wieder erzählt, ist der Abbruch der Generalprobe der Stuttgarter Produktion von Die Meistersinger von Nürnberg im Jahre 1994: Regisseur Hans Neuenfels unterbrach die Probe kurz nach der Ouvertüre. „Zu laut!“ soll er dem Dirigenten Gabriele Ferro zugerufen haben. Man darf sich von Neuenfels dabei aber nicht auf eine falsche Fährte locken lassen. Man könnte fast behaupten: er ehrt damit den musikalischen Leiter der Produktion mehr als dass er ihn kritisiert. Denn die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Neuenfels war für jeden Dirigenten eine Geduldsprobe und allein, dass Ferro und Neuenfels nicht nur bis zu dieser Generalprobe, sondern weit darüber hinaus im inspirierten künstlerischen Austausch blieben, spricht Bände für die künstlerische Neugierde des Musikers. Über den weiteren Verlauf der Generalprobe gibt Neuenfels denn auch zu Protokoll: „ein Musizieren begann, eine Kommunikation zwischen Orchester und Szene, die alle am Schluss vollkommen erschöpft, aber hoffnungsfroh die Premiere erwarten ließ.“ Zu laut war Gabriele Ferro selten: Er war ein Vertreter dieser großen Schule von italienischen Dirigenten des 20. Jahrhunderts mit großem intellektuellen Interesse und einer Sensibilität, die weit über den Orchestergraben hinauswies.

Gabriele Ferro hat als Generalmusikdirektor der Staatsoper Stuttgart in den Jahren 1992 bis 1997 die ersten Jahre der Intendanz von Klaus Zehelein und Pamela Rosenberg musikalisch begleitet. Es waren Jahre der ungewöhnlichen Innovation, des Hinterfragens von Oper als Gattung, der Suche nach zeitgenössischen Zugängen zu diesem hybriden Genre. Das Mantra dieser Jahre in Stuttgart war die enge Zusammenarbeit zwischen dramaturgischer Konzeption, musikalischer Exzellenz und inszenatorischer Umsetzung. Gabriele Ferro konnte sich auf die Inspiration von Klaus Zehelein verlassen, durfte mit dem einzigartigen Solisten-Ensemble von Pamela Rosenberg arbeiten und entwickelte ikonische Arbeiten wie Verdis Macbeth mit Ruth Berghaus, Bergs Wozzeck mit Johannes Schaaf oder die erwähnten Meistersinger von Nürnberg mit Hans Neuenfels.

Co-Intendantin Pamela Rosenberg schrieb uns heute zu seinem Tod: „Als Klaus Zehelein und ich Gabriele Ferro 1991 als GMD nach Stuttgart holten, war er, trotz einer großen internationalen Karriere, ein Unbekannter in Deutschland. Seine Zeit in Stuttgart wurde zu einer musikalischen Glanzzeit. Durch seine profunden musikalischen Kenntnisse wurden seine mustergültigen und sensiblen Dirigate zu Offenbarungen. Gabriele brillierte nicht nur im italienischen Fach, sondern war stilsicher im gesamten Repertoire. Die Meistersinger von Nürnberg und Die Liebe zu den den Orangen von Prokofieff dirigierte er genauso meisterhaft wie Verdis Macbeth. Ich habe auch sein vorbildliches Dirigat von Alban Bergs Violinkonzert noch sehr präsent im Ohr. Das Zusammenarbeiten mit ihm war immer lebhaft und bereichernd – Gabriele Ferro war eine temperamentvolle und wunderbare Persönlichkeit.“
Gabriele Ferro und das Staatsorchester Stuttgart bei der Generalprobe zu Berenike, Königin von Armenien
Auch die sogenannte Neue Musik, insbesondere die italienische, war ihm zeitlebens ein zentrales Anliegen: Luciano Berio, Luigi Nono und Bruno Maderna – auch wenn er dieses Repertoire in Stuttgart nicht dirigierte. Aber das Spektrum seiner Auseinandersetzung vom melodramma über die Moderne bis zur zeitgenössischen Musik zeigt einen facettenreichen und immer neugierigen Künstler.

Nach seiner Stuttgarter Zeit war er wieder in Italien zuhause und kehrte für einzelne Projekte zurück: Mit Jossi Wieler und Sergio Morabito gelang ihm mit der Produktion La sonnambula ein Coup. Die Wiederbelebung von Berenike, Königin von Armenien seines Amtsvorgängers Niccolò Jommeli mit dem gesamten musikalischem Team der Staatsoper und in der Regie von Wieler/Morabito, die auch auf DVD dokumentiert ist, zeugt nicht nur von seiner historischen Informiertheit, sondern auch von seiner Lust am Musizieren.

Wir sind uns nie persönlich begegnet. Aber in den vergangenen neun Jahren sendete er mir einmal im Jahr eine Postkarte: Mit fein ziselierter Handschrift ließ er mich teilhaben an seiner ungebremsten Lebensfreude und hielt so den Kontakt mit „seinem“ Haus und den Mitarbeitenden, mit denen ihn offensichtlich unendliche viele wertvolle Erinnerungen verbanden.

Gabriele Ferro ist am 29. Oktober im Alter von 88 Jahren verstorben. Wir sind mit unseren Gedanken bei seiner Familie.
Gabriele Ferro war von 1992 bis 1997 Generalmusikdirektor der Staatsoper Stuttgart und stand zuletzt in der Spielzeit 2015/16 bei Niccolò Jommellis Oper Il vologeso (Berenike, Königin von Armenien) am Pult des Staatsorchesters Stuttgart. Er studierte Klavier und Komposition in Rom und gewann 1970 den Dirigentenwettbewerb der RAI. Ab 1978 gastierte er als Operndirigent u. a. am Royal Opera House Covent Garden London, an den Opernhäusern von Chicago, San Francisco, Los Angeles, Tel Aviv, an der Deutschen Oper Berlin und an der Mailänder Scala. 1979-97 war er Chefdirigent des Orchestra Sinfonica Siciliana, 1987-91 in gleicher Position beim Orchestra della RAI di Roma. Nach seiner Stuttgarter Zeit war er Musikdirektor des Teatro di San Carlo Neapel, 2001-06 Erster Gastdirigent, seit 2014 Musikdirektor am Teatro Massimo in Palermo. Auch wirkte er immer wieder als Konzertdirigent und leitete das Orchestre National de France, die Bamberger und die Wiener Symphoniker, das Bayerische Staatsorchester und das Gewandhausorchester, die Rundfunkorchester von WDR, BBC, Radio France und Chicago. Sein Repertoire reichte von der Barockoper bis zur zeitgenössischen Musik. Gabriele Ferro war Mitglied der Accademia Nazionale di Santa Cecilia und lehrte Dirigieren an der Scuola di Musica di Fiesole.