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06.03.2026 Zwischen Clique und Mob: wenn Frauen sich verbünden
Essay
Zwischen Clique und Mob: wenn Frauen sich verbünden
Am 29. März feiert Francis Poulencs „Dialogues des Carmélites“ in der Neuinszenierung von Ewelina Marciniak Premiere im Opernhaus. Auf der Bühne: eine Frauengemeinschaft, die inmitten des Terrors um Kommunikation und Mitmenschlichkeit ringt. Die Autorin Rebekka Endler reflektiert in diesem Text über Geschichte und Gegenwart weiblicher Solidarität – und darüber, warum sie wichtig bleibt. Ein Essay (nicht nur) zum Internationalen Frauentag.
Vor nichts hat das Patriarchat größere Angst, als vor Frauen, Queers und Gleichgesinnten, die sich solidarisch verbünden, um sich politisch gegen eine Ungerechtigkeit zu engagieren. Deswegen tut das Patriarchat seit Jahrhunderten alles um diese Bünde abzuwerten, was unter anderem auch erklärt, warum ich viele Jahre meines Lebens damit verbracht habe, Frauenvereine oder Clubs zu meiden – patriarchale Kulturerzeugnisse hatten mir erfolgreich eingebläut:
Frauenverbände = lächerlich!
Egal, ob in den Drei ???, in Bibi Blocksberg oder den Gilmore Girls, die zwischen 2000 bis 2007 irgendwie feministisch wirkten, überall wird gegen Frauen in Clubs gehetzt. Einer der bittersten Repräsentationen findet sich in Gilmore Girls (Staffel 6, Folge 21): Eine Selbsthilfegruppe für verlassene Frauen und alleinerziehende Mütter, die sich treffen, um derart lautstark über ihre Ex-Partner herzuziehen, dass Zuschauer*innen denken sollen, sie hätten es verdient und seien selbst schuld, mittellos sitzengelassen worden zu sein. Fürchterliche Zicken! Gleichzeitig lag in den USA der Anteil der Väter, die keinen oder nicht den vollen Betrag für den Unterhalt ihres Kindes/ ihrer Kinder zahlten zum Zeitpunkt des Drehs 2015 bei 84 Prozent. Das ist auch heute noch so, wie die 2023 unter dem Titel And just like that erschienene Fortsetzung von Sex and the City gezeigt hat. In einer Serie, deren Erfolg darin lag, Freundinnenschaften ins Zentrum zu rücken, ist die Darstellung von weiblichen Verbindungen solange wohlwollend und sympathisch, solange es ihnen dabei um Männer, Mode und Tratsch geht.
In einer Serie, deren Erfolg darin lag, Freundinnenschaften ins Zentrum zu rücken, ist die Darstellung von weiblichen Verbindungen solange wohlwollend und sympathisch, solange es ihnen dabei um Männer, Mode und Tratsch geht.
Sobald eine gesellschaftskritische und organisierte Komponente hinzukommt, kippt die Inszenierung schlagartig ins Suspekte. Frauen mit einer gesellschaftlichen Agenda werden der Lächerlichkeit preisgegeben, wie beispielsweise die Journalistinnen und Autorinnen, die ein Hochglanzmagazin für die Belange von Frauen jenseits der Menopause herausbringen wollen – wer will schon zu einem Verein alter Schachteln gehören, die sich weigern, leise in die Unsichtbarkeit zu verschwinden, in der die Gesellschaft sie gerne hätte?!
Die Wurzeln dieser Diffamierungen reichen weit in die Vergangenheit und sind sogar älter als die ersten offen politisch motivierten Frauenvereine. So waren die Beginen im 15. Jahrhundert aufgrund ihrer Autonomie und ihrer selbstbestimmten Lebensweise Zielscheibe von Hasskampagnen und Deligitimierungsschriften. Mächtige Männer unterstellten den Beginen, die sich für ein Leben in der Gemeinschaft, jenseits von Ehe und Kloster entschieden hatten, dort einem zügel-, anstand- und letztendlich sinnlosem Leben zu fröhnen. Die Beginen waren alleinstehende Frauen, die seit dem 12. Jahrhundert gemeinsam in Arbeits- und Wohngemeinschaften lebten, eine eigene Rechtsfähigkeit hatten und somit Freiheiten besaßen, von denen andere nicht träumen wagten. Ob es daran lag, dass die Beginen zu diesem Zeitpunkt schon drei Jahrhunderte lang ohne patriarchale Autorität exisitierten? Und so wurden die Beginen-Vereinigungen, Verordnung um Verordnung, in die Belanglosigkeit reguliert und verschwanden Ende des 15. Jahrhunderts nahezu aus der Geschichte. Seit einiger Zeit gibt es moderne Beginenbewegungen, die sich bemühen, auf eine moderne Weise an die mittelalterliche Tradition anzuknüpfen, da das Bedürfnis inmitten einer weiblichen Gemeinschaft ohne männlichen Einfluss zu leben, nach wie vor vorhanden ist.
Es steht schließlich alles auf dem Spiel, wenn Frauen erst einmal anfangen, sich politisch zu verbünden, denn wie ein Doktor der Geologie in einem Artikel mit dem Titel “Are Women’s Clubs harmful to the home” aus der Lokalzeitung San Francisco Call vom 15. Mai 1898 verkündet, sind Frauenvereine “Meilenstein in Richtung Zerstörung der Nation”, da ihre Existenz das “Fundament der Amerikanischen Gesellschaft erodiere” (Stebbins and others, ‘Are Women’s Clubs Harmful To The Home?’, San Francisco Call (15 May 1898). Die weiblichen Tugenden der Club-Frauen seien gefährdet, weil weniger Zeit für Kochen, Putzen und Kinderversorgung bliebe, zusätzlich seien die Frauen dort gefährlichen Ideen wie beispielsweise Bildung über Gleichberechtigung ausgesetzt. Club-Frauen müssen in besagtem Artikel den Spagat schaffen, Werbung für die Vereine zu machen, jedoch ohne dabei einflussreich oder gar gefährlich zu erscheinen. Die dort zitierte Ada Henry van Pelt hebt die Rolle der Wissensvermittlung hervor, und fügt sofort hinzu: “Zusammen mit der Erkenntnis dieser Tatsache geht der Wunsch einher, allen Anforderungen gerecht zu werden, und das schöne Ergebnis ist, dass Haushalte besser geregelt sind, die Mutterschaft hochwertiger wird, die Kindheit behüteter ist.”
Die Wurzeln dieser Diffamierungen reichen weit in die Vergangenheit und sind sogar älter als die ersten offen politisch motivierten Frauenvereine. So waren die Beginen im 15. Jahrhundert aufgrund ihrer Autonomie und ihrer selbstbestimmten Lebensweise Zielscheibe von Hasskampagnen und Deligitimierungsschriften. Mächtige Männer unterstellten den Beginen, die sich für ein Leben in der Gemeinschaft, jenseits von Ehe und Kloster entschieden hatten, dort einem zügel-, anstand- und letztendlich sinnlosem Leben zu fröhnen. Die Beginen waren alleinstehende Frauen, die seit dem 12. Jahrhundert gemeinsam in Arbeits- und Wohngemeinschaften lebten, eine eigene Rechtsfähigkeit hatten und somit Freiheiten besaßen, von denen andere nicht träumen wagten. Ob es daran lag, dass die Beginen zu diesem Zeitpunkt schon drei Jahrhunderte lang ohne patriarchale Autorität exisitierten? Und so wurden die Beginen-Vereinigungen, Verordnung um Verordnung, in die Belanglosigkeit reguliert und verschwanden Ende des 15. Jahrhunderts nahezu aus der Geschichte. Seit einiger Zeit gibt es moderne Beginenbewegungen, die sich bemühen, auf eine moderne Weise an die mittelalterliche Tradition anzuknüpfen, da das Bedürfnis inmitten einer weiblichen Gemeinschaft ohne männlichen Einfluss zu leben, nach wie vor vorhanden ist.
Es steht schließlich alles auf dem Spiel, wenn Frauen erst einmal anfangen, sich politisch zu verbünden, denn wie ein Doktor der Geologie in einem Artikel mit dem Titel “Are Women’s Clubs harmful to the home” aus der Lokalzeitung San Francisco Call vom 15. Mai 1898 verkündet, sind Frauenvereine “Meilenstein in Richtung Zerstörung der Nation”, da ihre Existenz das “Fundament der Amerikanischen Gesellschaft erodiere” (Stebbins and others, ‘Are Women’s Clubs Harmful To The Home?’, San Francisco Call (15 May 1898). Die weiblichen Tugenden der Club-Frauen seien gefährdet, weil weniger Zeit für Kochen, Putzen und Kinderversorgung bliebe, zusätzlich seien die Frauen dort gefährlichen Ideen wie beispielsweise Bildung über Gleichberechtigung ausgesetzt. Club-Frauen müssen in besagtem Artikel den Spagat schaffen, Werbung für die Vereine zu machen, jedoch ohne dabei einflussreich oder gar gefährlich zu erscheinen. Die dort zitierte Ada Henry van Pelt hebt die Rolle der Wissensvermittlung hervor, und fügt sofort hinzu: “Zusammen mit der Erkenntnis dieser Tatsache geht der Wunsch einher, allen Anforderungen gerecht zu werden, und das schöne Ergebnis ist, dass Haushalte besser geregelt sind, die Mutterschaft hochwertiger wird, die Kindheit behüteter ist.”
Richtig, liebe Männer, wir bilden uns weiter, aber nur damit wir die Rollen, die ihr für uns vorgesehen habt, noch besser ausfüllen können.
Ähnlich argumentierte auch mehr als 125 Jahre später eine der Protagonist*innen der Reality-Show Dubai Bling (2024) gegenüber ihrem Ehemann, um ihre Aktivitäten außerhalb der Domestizität zu rechtfertigen: Sie würde durch ihr Engagement im Frauenverein eine “bessere Ehefrau und Mutter”.
Bis heute scheinen Frauenvereine in den Köpfen vieler Menschen nichts von ihrer Brisanz und Gefährlichkeit für die soziale Ordnung eingebüßt zu haben. Gut so, es ist an der Zeit, diese Befürchtungen mit Aktion zu füllen und endlich zu zeigen, wie das feministische Kollektiv patriarchale Macht erodieren lässt und zum Einsturz bringen kann.
Bis heute scheinen Frauenvereine in den Köpfen vieler Menschen nichts von ihrer Brisanz und Gefährlichkeit für die soziale Ordnung eingebüßt zu haben. Gut so, es ist an der Zeit, diese Befürchtungen mit Aktion zu füllen und endlich zu zeigen, wie das feministische Kollektiv patriarchale Macht erodieren lässt und zum Einsturz bringen kann.
Wann, wenn nicht jetzt!?
Rebekka Endler (*1984) ist freie Journalistin, Podcasterin und Buchautorin aus Köln. Zu den Schwerpunkten ihrer Arbeit gehört es, aufzuzeigen, wie Systeme der Unterdrückung das Leben von Menschen in Bezug auf Geschlecht, Klasse, Hautfarbe und Sexualität beeinflussen. Das Patriarchat der Dinge. Warum die Welt Frauen nicht passt erschien 2021 (Dumont), Witches, Bitches, It-Girls. Wie patriarchale Mythen uns bis heute prägen 2025 (Rowohlt) und ihr Roman, wenn er fertig ist. Am 15. März ist sie bei der Veranstaltung Glaube, Widerstand, Weiblichkeit, der „Extended Version“ unserer Einführungsmatinee zu Dialogues des Carmélites im Literaturhaus Stuttgart zu Gast.
Rebekka Endler (© Andrew Collberg)
Glaube, Widerstand, Weiblichkeit
Einführungsmatinee: Dialogues des Carmélites – Extended Version
Mär 2026
Francis Poulenc
Dialogues des Carmélites
Mär 2026
Dialogues des Carmélites
Besetzung
Apr 2026
Dialogues des Carmélites
Besetzung
Dialogues des Carmélites
Besetzung
Dialogues des Carmélites
So
12
15:00
Opernhaus
Opernhaus
Stuzubis 10 € bereits im Vorverkauf!, Nachmittagsvorstellung
8 / 18,50 / 29 / 43 / 58 / 72 / 90 / 108 / 126 €
Besetzung
Dialogues des Carmélites
Besetzung
Dialogues des Carmélites
Sa
18
19:00
Opernhaus
Opernhaus
Zum letzten Mal in dieser Spielzeit
8 / 18,50 / 29 / 43 / 58 / 72 / 90 / 108 / 126 €
Besetzung