Lange Nacht des Brütens

Musik trifft Kunst: Mit Werken von Astor Piazzolla bis Arnold Schönberg laden Sie die Musiker*innen des Staatsorchesters Stuttgart ein, an einem Abend durch die Staatsgalerie Stuttgart, das Kunstmuseum Stuttgart und den Württembergischen Kunstverein zu wandeln. Ob Kontrabass-Solo, Streichquartett oder Percussion-Quartett – freuen Sie sich auf spannende Verbindungen zu den aktuellen Ausstellungen der Museen mit Kunst von Oskar Schlemmer, Ulla von Brandenburg, Kalin Lindena, Haegue Yang, Tobias Rehberger, Gego und Carrie Mae Weems!

Diese Veranstaltung ist Teil des Frühjahrsfestivals 2022.

Diese Veranstaltung ist Teil des Frühjahrsfestivals 2022.

Tickets
Paket (alle drei Programm-Elemente): 27/18 €
Einzelticket (nur ein Programm-Element): 12/7 €

Snack Time
18:40-19:45 Uhr im Fresko
Zwischen den Programmpunkten in der Staatsgalerie Stuttgart und dem Kunstmuseum Stuttgart gibt es die Möglichkeit für eine Snack-Pause im Fresko, direkt neben der Staatsgalerie.
17.00 Zwischenwelten - Staatsgalerie Stuttgart
In der Ausstellung Moved by Schlemmer. 100 Jahre Triadisches Ballett
Hans Werner Henze (1926-2012)
Ariel aus Royal Winter Music (1976)
Gitarre Thilo Ruck

Ilse Fromm-Michaels (1888-1986)
Schalkslaune aus Stimmungen eines Fauns, op. 11
Klarinette Frank Bunselmeyer

Salvator Léonardi (1872-1938)
Angeli e demoni
Mandoline Denise Wambsganß

Uroš Rojko (*1954)
Chiton nach Capricho 28 von Francisco de Goya (2003)
Gitarre Thilo Ruck
Ilse Fromm-Michaels (1888-1986)
Klage aus Stimmungen eines Fauns, op. 11
Klarinette Frank Bunselmeyer


Im Vortragssaal
Erwin Schulhoff (1894-1942)
Duo für Violine und Violoncello (1925)
Violine Muriel Bardon
Violoncello Doris Erdmann

Wesen aus fremden Welten, die weder Mensch noch Tier sind, faszinieren seit jeher die Menschheit. Sie finden sich der Mythologie sowie in religiösen Schriften und sind bis heute eine unerschöpfliche Inspirationsquelle für die Kunst. Die Walküren in Richard Wagners Ring des Nibelungen, der an der Staatsoper Stuttgart neu produziert wird, sind weibliche Geistwesen aus der nordischen Mythologie, die die ehrenvoll Gefallenen auf dem Schlachtfeld auswählen, um sie nach Walhall zu führen, dem Ruheort tapferer Krieger. Der von Cosima Wagner verwendete Begriff der Walkürennester und die damit eng verknüpfte Assoziation des Brütens bilden den thematischen Ausgangspunkt dieser Langen Nacht. Die Staatsgalerie Stuttgart wird dabei als erste Station des Abends selbst zum Nest für die unterschiedlichsten Zwischenwesen, die in den Musikstücken mit Mitgliedern des Staatsorchesters Stuttgart facettenreich porträtiert werden – sei es der Engel Ariel, der als Herrscher über die Elemente, insbesondere der Erde, gilt oder der römische Gott Faun, der mal als gehörnter Waldgeist und mal als Mischwesen aus Mensch und Ziegenbock dargestellt wird. Eine andere Zwischenwelt beschreibt Uroš Rojko in seinem Stück Chiton (dt. Stille) für Gitarre solo. Angeregt wurde es von dem gleichnamigen Stich aus Francisco de Goyas gesellschaftskritischen Caprichos von 1799, in dem ein eine junge Frau einer Greisin ein Geheimnis zuflüstert, das im Verborgenen bleiben soll, in einer Art Zwischenwelt abseits der Gesellschaft.
Verbunden werden diese musikalischen Porträts unterschiedlicher Zwischenwesen mit der Ausstellung Moved by Schlemmer. 100 Jahre Triadisches Ballett. Die Musik sorgt dabei für spannende Verbindungslinien zu den drei zeitgenössischen Künstlerinnen Ulla von Brandenburg, Kalin Lindena und Haegue Yang, die sich in ihren Arbeiten auf die Figurinen des Triadischen Balletts von Oskar Schlemmer beziehen. Für die Aufführung des Triadischen Balletts, das bildende Kunst, Tanz und Kostüm miteinander verbindet, wurde ursprünglich der Komponist Arnold Schönberg angefragt. Dieser schrieb 1923, nur ein Jahr nach der Uraufführung des Triadischen Balletts, seine Serenade op. 24, welches eines seiner frühesten Experimente mit der Zwölftontechnik darstellt. In dem als Tanzscene bezeichneten Satz der Serenade, der im Vortragsaal erklingt, verbindet Schönberg kunstvoll einen Walzer mit einem Ländler. Ein tänzerischer Gestus zeichnet auch das zwei Jahre später entstandene Duo für Violine und Violoncello des Tschechen Erwin Schulhoff aus, einem der schillerndsten Komponisten im Aufbruch zur Moderne. In den Musikstücken dieses „Nests“ spiegeln sich die drei Stimmungen wider, auf denen das Konzept von Schlemmers Triadischem Ballett als Tanz der Dreiheit basiert: das Heiter-Burleske, das Festlich-Getragene sowie das Mystisch-Fantastische.

Snack Time
18:40-19:45 Uhr im Fresko
Zwischen den Programmpunkten in der Staatsgalerie Stuttgart und dem Kunstmuseum Stuttgart gibt es die Möglichkeit für eine Snack-Pause im Fresko, direkt neben der Staatsgalerie.
Reservierung hier möglich.
Alle Speisen auch „to go“.


20.00 Innenleben - Kunstmuseum Stuttgart
In der Spange
Begrüßung

Peteris Vasks (*1946)
Streichquartett Nr. 2 Summer tunes (1984)
I. Coming into Bloom
II. Birds
III. Elegy

Violine Elena Graf
Violine Franziska Baur
Viola Robin Porta
Violoncello Guillaume Artus

Einführung in das Programm


Gruppe I
In der Ausstellung Gego. Die Architektur einer Künstlerin
Alfredo del Monaco (1938-2015)
Lyrika für Oboe solo und Elektronik (1992)
Oboe Ivan Danko
Yannis Ioannidis (*1930)
Auszüge aus 21 Lyric Moments
Violine N. N.

Gruppe II
In der Ausstellung Tobias Rehberger „I do if I don’t”
Isang Yun(1917-1995)
Contemplation (1988)
Viola Hedwig Gruber
Viola Charlotte Kirst

Der Begriff des Brütens ist in erster Linie eng mit dem biologischen Prozess des Brütens von Eiern im schützenden Nest verbunden. Die allmähliche Herausbildung von etwas Neuem lässt sich jedoch auch auf das Erblühen der Natur im Lauf der Jahreszeiten beziehen, die ebenfalls eine Form der Entwicklung darstellen. Den Weg zum vollständigen Erblühen, jenes prozesshafte Werden sowie die Klänge eines Vogelschwarms, der nach der Brutzeit die Lüfte erobert und übers Land zieht, hat der lettische Komponist Pēteris Vasks in seinem Streichquartett Summer tunes eindrucksvoll vertont. Der zweite Satz Birds basiert dabei auf freien Imitationen von Vogelgesängen, bevor der wehmütig klagende Satz Elegy wie eine leise Vorahnung auf das Verblühen alles Lebenden wirkt.
Auf einer geistig-emotionalen Ebene lässt sich das Brüten auch als Ausbrüten von Gedanken verstehen, als ein in sich versunkenes Sinnieren. In den Ausstellungsräumen des Kunstmuseums Stuttgart steht jene Innenschau, das nachdenkliche In-Sich-Gekehrt-Sein im Zentrum. Während sich zur Ausstellung Tobias Rehberger „I do if I don’t“ zwei Bratschen mit dem Stück Contemplation unter einem changierenden Himmel aus farbigen Glühbirnen begegnen, erklingen zur Ausstellung Gego. Die Architektur einer Künstlerin lyrische Solostücke, die wie ein Blick auf intime Seelenzustände erscheinen. Wie in einem Selbstgespräch interagiert zudem die Oboe in Alfredo del Monacos Stück Lyrika mit von ihr selbst aufgenommenen Klängen. Sowohl Yannis Ioannidis als auch Alfredo del Monaco waren mit der Künstlerin Gertrud Goldschmidt eng befreundet, die in den 1950er Jahren im venezolanischen Exil über die Architektur ihren Weg in die Kunst fand.


22.00 Ausbruch - Württembergischer Kunstverein
Im Glastrakt
Lisa Streich (*1985)
Der zarte Faden den die Schönheit spinnt (2014)
Performance installation for percussion quartet
Percussion

Percussion Jürgen Spitschka, Tamara Kurkiewicz*, Aleksandra Nawrocka*, Manuel Monterrubio Martín*
* Studierende der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart


In der Ausstellung Carrie Mae Weems. The Evidence of Things Not Seen
Mati Kuulberg (1947-2001)
E Point(1994)
Violine Kathrin Scheytt
Gitarre Stefan Koch-Roos

Performance für Gesang und Elektronik
Sopran Josefine Feiler
Elektronik Jonas Bolle

Rebecca Saunders (*1967)
Fury (2005)
Kontrabass Lars Jakob


Im Glastrakt
Astor Piazzolla (1921-1992)
Primavera porteña
Verano porteño
La muerte del angel
Violine Veronika Unger
Violine Lilian Scheliga
Viola Daniel Schwartz
Violoncello Philipp Körner

Wie die Walküren verfügen auch die drei Nornen in der nordischen Mythologie über eine schicksalsbestimmende Macht über den Menschen. Als Personfizierungen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft spinnen sie den Schicksalsfaden des Menschen. Auch in der Percussion-Installation der schwedischen Komponistin Lisa Streich, der aktuellen Composer in Focus der Staatsoper Stuttgart, steht ein Faden im Zentrum, der das Entstehen unterschiedlicher Klänge bewirkt und die Schlagzeuger*innen miteinander verbindet. Jede*r der Schlagzeuger*innen kann die Instrumente des anderen betätigen. Die Objekte selbst werden zu musikalischen Akteuren, sodass sich die Frage stellt, wer ist der*die Spieler*in und wer ist das Objekt, das bespielt wird. Wer hält die Fäden in der Hand? Die Grenzen zwischen Spieler*in und Instrument werden verwischt und es entsteht ein vielschichtiges Netz aus verschiedenen Fäden musikalischer und physikalischer Natur.
Nach der Performance installation von Lisa Streich steht in der Ausstellung The Evidence of Things not Seen mit Werken der US-amerikanischen Künstlerin Carrie Mae Weems im Württembergischen Kunstverein der Endpunkt eines Entwicklungsprozesses wie dem Brüten im Mittelpunkt: der Ausbruch. In dem Stück E Point für Violine und Gitarre des estnischen Komponisten Mati Kuulberg scheint sich alles Klingende aus einem einzigen Punkt heraus zu entwickeln, er bildet eine Art Nukleus des Ausbruchs. Mit Rebecca Saunders Stück Fury für Kontrabass solo erklingt ein höchst emotionaler Ausbruch, bevor die Sopranistin Josefin Feiler, Ensemblemitglied der Staatsoper Stuttgart, zusammen mit dem Autor und Musiker Jonas Bolle eine Performance präsentiert, die sich auf die ausdrucksstarken Arbeiten Carrie Mae Weems‘ direkt bezieht. Im Zentrum der Ausstellung steht die lange Geschichte der Gewalt gegen People of Color, Frauen und sozial Benachteiligte. Dieser Erzählung setzt Weems die ebenso lange Geschichte des Widerstands entgegen und legt die ungehörten und ungesehenen Geschichten marginalisierter Gruppen frei. In der Performance für Gesang und Elektronik beschäftigen sich Josefin Feiler und Jonas Bolle mit den vielschichtigen Verbindungslinien zwischen Carrie Mae Weems‘ Arbeiten und der Welt der Oper, um die Relevanz der durch die Ausstellung aufgeworfenen Fragen auch für die über Jahrhunderte tradierte Kunstgattung aufzudecken.
Den Abschluss bilden Werke für Streichquartett des argentinischen Komponisten Astor Piazzolla. In ihnen stehen einmal mehr die Verwandlungen der Natur, die Welt der Zwischenwesen sowie das tänzerische Element im Fokus, wodurch mit diesem letzten Programmpunkt der Langen Nacht des Brütens der Faden der vorherigen Stationen aufgegriffen wird.

Bildergalerie