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12.10.2025 Der Apparat

Der Apparat

In Franz Kafkas „Strafkolonie“ dominiert eine futuristische Hinrichtungsmaschine. In der Musiktheaterproduktion „Apparat“ am JOiN, der Jungen Oper im Nord, wird sie zur Bühnenattraktion. Regisseurin Katharina Schmitt erklärt, was es in der Produktion des Prager Studio Hrdinů auf sich hat.
Lange Zeit waren Exekutionen ein theatrales Event. Sie fanden öffentlich statt, und die Leute schauten mit einer voyeuristischen Faszination zu. Dabei stellt sich für mich eine ethische Frage, die heute, wo wir tagtäglich Grausamkeiten zu sehen bekommen, besonders relevant ist: Wie viel Leiden können wir uns eigentlich anschauen, ohne einzugreifen?
Der Apparat, den man auf der Bühne sieht, ist inspiriert von historischen Guillotinen aus Holz. Der Bühnenbildner Pavel Svoboda hat den Unterbau selbst zusammengezimmert. Darauf steht eine Box aus Plexiglas, die einem Objekt aus David Lynchs Mystery-Fernsehserie Twin Peaks nachempfunden ist: In einem durchsichtigen Quader ist der blanke Horror für alle sichtbar. In der Box befindet sich eine Konstruktion, die an einen elektrischen Stuhl erinnert. Gummischläuche führen aus ihr heraus in den Zuschauerraum. Kafka beschreibt in seiner Erzählung In der Strafkolonie, wie die Körperflüssigkeiten der Verurteilten abgeleitet werden, und unser Apparat produziert quasi ein Getränk, das die Menschen am Ende, nachdem sie Zeuge einer Hinrichtung geworden sind, in einer Art kannibalistischem Akt zu sich nehmen können.
Foto: Pavel Svoboda
Die Maschine spricht durch akustische Signale, flirtet mit den Menschen, zieht sie in ihren Bann.
Der Apparat, der zunächst von Menschen bedient wird, entwickelt mehr und mehr ein Eigenleben,
wird selbst zum Akteur. Die Musik von Christoph Wirth spiegelt die Psychologie dieser Maschine wider. Sie spricht durch akustische Signale, sie flirtet mit den Menschen, zieht sie in ihren Bann und zerfällt nach der letzten Hinrichtung schließlich in ihre Einzelteile.
Bei Kafka schwingt das Motiv von Passion und Opfer mit, wenn Leute auf dem Apparat zu Tode kommen. Deshalb habe ich Bilder von Kreuzigung und spiritueller Verklärung inszeniert. Ob es sich jedoch um einen Erlösungstod oder ein blutiges Menschenopfer handelt, bleibt offen. Im Horror steckt aber immer auch ein bitterböser Witz. Der Apparat ist einerseits ein gruseliges, abschreckendes Konstrukt, andererseits eine Publikumsattraktion. Die Zuschauer*innen können ihn schließlich ganz aus der Nähe betrachten, ihn betreten und sich davor fotografieren. Genau dort, wo sonst Hinrichtungen vorgeführt werden, wird man eingeladen, gemeinsam mit den Darsteller*innen Tee zu trinken. Die Voyeur*innen werden zu Akteur*innen.
Der Kommentar von Katharina Schmitt wurde aufgezeichnet von Florian Heurich und erschien zuerst in Reihe 5 Nr. 1 2025/26, dem Magazin der Staatstheater Stuttgart.

Apparat

Okt 2025
https://www.staatsoperstuttgart.de Staatsoper Stuttgart Oberer Schloßgarten 6, 70173 Stuttgart

Do
16
19:00 – 20:30
Nord
Besetzung
https://www.staatsoperstuttgart.de Staatsoper Stuttgart Oberer Schloßgarten 6, 70173 Stuttgart

Fr
17
19:00 – 20:30
Nord
Besetzung