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15.05.2026 Ab ins Spiegelkabinett!

Ab ins Spiegelkabinett!

Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Detektiven von den drei ??? und der Feldmarschallin Fürstin Werdenberg? Wie können Blicke durch Spiegelkabinett, Splitscreen oder Fokussierung gelenkt werden? Und überhaupt: Was erwartet uns in der kommenden Saison? Chefdramaturg Ingo Gerlach führt uns in seinem Essay geradewegs in den Opernrausch der neuen Saison.
Während Nicholas Carter wirklich ein echter Australier ist, war eine der prägendsten Amerikaerfahrungen meiner Generation eine Kleinstand zwischen Santa Monica und Los Angeles, die es gar nicht gibt. In Rocky Beach lösen drei der bekanntesten Detektive der Hörspielgeschichte, ach was: aller Zeiten, seit 1979 immer noch und immer wieder neue Fälle. Rechnerisch kämen Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews, besser bekannt als Die drei ???, damit jetzt in der Alterskohorte an, in der ein Opernabonnement statistisch gesehen am wenigsten ungewöhnlich ist.

Aber: Sie sind seit fast 50 Jahren unter 20. Und das ist nur eine der Erkenntnisse, mit der sie in ihrem ersten Fall konfrontiert werden, den sie als Opernfiguren auf einer Opernbühne lösen. Die drei ??? und das Spiegelkabinett heißt der Fall, den Martin G. Berger sich mit der Unterstützung des langjährigen Fragezeichen-Autors André Marx ausgedacht hat, und in dem die Oper nicht, wie in anderen Fällen, vornehmlich als Sammelplatz für merkwürdige und meist überspannte Künstler*innen dient, sondern in der die Gesangs-Stimme und ein sogenannter „Opernrausch“ eine zentrale und sehr mysteriöse Rolle einnehmen. Anna Weber wird mit der Inszenierung dieser „Detektivoper in 60 Nummern“ ihr Debüt an der Staatsoper geben. Komponiert wird das Stück jetzt gerade von Gordon Kampe.
Folgen Sie den Drei Fragezeichen ins Spiegelkabinett – Visual: Studio Collect
Das Spiegelkabinett ist übrigens ein gutes Stichwort. Denn wollte man einen Aspekt oder ein Element benennen, das die Neuproduktionen der kommenden Spielzeit miteinander verbindet, dann wäre das am ehesten eine Frage des Blicks, von Spiegelungen, Rahmungen, Aufsplitterungen, Perspektivwechseln.

Katie Mitchell zum Beispiel überführt ihre charakteristische filmische Erzählweise ins Bühnenbild: Mit einem gebauten Splitscreen, kann sie in Lucia di Lammermoor konsequent erzählen, was bei Donizetti nicht gezeigt wird – auch ganz ohne das Live-Video, das sonst zu ihrem Markenkern gehört.

Benedikt von Peters La traviata thematisiert den Blick der Zuschauer*innen sehr deutlich. „This is for you“ sagt Violetta Valery zu uns allen im Auditorium. Und Nicole Chevalier spielt das Stück dann umwerfend und intensiv als Soloperformance, unseren Blicken ausgesetzt, während alle anderen Figuren nur als Stimmen anwesend sind.
Katarina Ismailowa wird als Lady Macbeth von Mzensk dezidiert eine literarische Figur als Schablone mitgegeben und damit ganz klar alle Schuld an der schrecklichen Geschichte bei ihr abgeladen – zumindest aus Männerperspektive.

In Bassem Akikis Partitur treffen zwei Perspektiven auf Tonhöhe aufeinander. Ein Orchesterteil bei Atatürk wird in westlicher Tradition auf 443hz gestimmt sein, während der andere Teil einen Viertelton tiefer klingt.

Sehr augenfällig wiederum ist die symmetrische Spiegelung des Rosenkavalier-Personals: Die etwas ältere Marschallin spiegelt sich in der sehr jungen Sophie, der liederliche Ochs auf Lerchenau in dem attraktiven Oktavian. Gegenfiguren sicherlich. Aber eben doch miteinander verwandt, wie Cherubino mit Don Giovanni.

Dass die drei ??? ausgerechnet in einem Spiegelkabinett erkennen, dass mit ihrem Alter etwas nicht stimmt, ist natürlich kein Zufall, sondern eine Hommage an die Marschallin und ihren Handspiegel, in dem sie sich selbst betrachtet.

Axel Ranisch wird mit der Komödie für Musik von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal zum vierten Mal in Stuttgart inszenieren und sich mit soviel Zuneigung zu seinen Figuren in das sonderbare Ding um die Zeit stürzen, dass es „a rechte Freud“ ist.

Diese Blick- und Perspektivwechsel sind das, was das Theater kann. Und das eben auch über die Selbstbespiegelung hinaus.
Im Idealfall bedeutet das, dass sich 1404 Leute – und auf und hinter Bühne noch mehr – in demselben Raum in derselben Zeit mit derselben Geschichte beschäftigen – und doch alle etwas anderes erleben. Aber zumindest für 90 oder 120 oder auch 360 Minuten setzen sie sich zu einem gemeinsamen Gegenstand ins Verhältnis, konfrontieren sich mit anderen emotionalen Zuständen als den eigenen, versetzen sich in andere Perspektiven und Haltungen und lassen sich berühren.

Oder mit etwas Schillerschem Pathos:

Zumindest für die Dauer der Vorstellung bindet der Zauber des Theaters wieder, was die Mode oder die Umstände oder die diversifizierten Lebensrealitäten streng geteilt. Alle Menschen werden Geschwister, wo ihr sanfter Flügel weilt.