„Den optimalen Weg zu leben gibt es nicht“

Drei Doras auf Heldinnenreise: Christine Wahl hat für Reihe 5, das Magazin der Staatstheater Stuttgart, mit Dirigentin Elena Schwarz, Regisseurin Elisabeth Stöppler und Sopranistin Josefin Feiler gesprochen.
Frau Feiler, die Opernheldin Dora, die Sie verkörpern, ist eine ziemlich ungewöhnliche Erscheinung. Oder haben Sie auf der Bühne schon einmal Parts gesungen a la: Wie ich mich langweile Tag für Tag / und gelangweilt über die gelangweilte Landschaft schreite / nachdem ich gelangweilt erwachte und gelangweilt aß“?
Josefin Feiler (lacht): Als Opernfigur ist Dora wirklich außergewöhnlich, das stimmt. Als Mensch ist sie mir allerdings sehr vertraut, ich empfinde sie geradezu als archetypisches Kind unserer Zeit.
Inwiefern?
Feiler: Sie transportiert für mich perfekt die gegenwärtige Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit junger Menschen. Kriege, Krisen, Klimawandel – die Welt fühlt sich ja momentan wirklich so an, als ob es überall brennen würde.
Diese Dora – eine junge Frau Mitte zwanzig – sitzt in einer abgewirtschafteten Industrieregion fest, hat Stress mit ihren Eltern und pflegt einen ausgeprägten Widerwillen gegen alles, was auch nur im Mindesten den Anschein altbekannter Lebensentwurfe erweckt. Was verbinden Sie als Regisseurin mit dieser Figur, Frau Stöppler?
Elisabeth Stöppler: Die Behauptung, dass eine Bühnenfigur viel mit uns zu tun habe, wird ja häufig aufgestellt in der darstellenden Kunst. Dass das aber tatsächlich so konsequent zutrifft wie hier, erlebe ich selten. Dora ist keine Göttin, sie ist überhaupt keine jener metaphorischen Figuren, wie sie uns in der Oper so häufig begegnen, sondern sie ist komplett real. Man kann sie täglich auf der Straße treffen, im Prinzip könnte jede von uns eine Dora sein. Sie spricht unsere Sprache – wenn auch in einer künstlerisch zugespitzten Form.
Erdacht hat diese Figur der vielfach preisgekrönte Schriftsteller Frank Witzel, der dafür bekannt ist, in seinen Romanen gern Fiktion mit Theorie zu verbinden.
Stöppler: Auch im Dora-Libretto steckt eine Menge Philosophisches. Wir sprechen bei den Proben immer von den „Witzel Wisdoms“. (alle lachen)
Welche dieser Witzel-Weisheiten ist für Sie die wichtigste?
Stöppler: Aus philosophischer Sicht finde ich es großartig – und das ist auch das radikal Zeitgenössische an dem Stück –, dass Dora total nihilistisch ist. Diese Figur glaubt wirklich an gar nichts mehr.
Man konnte sagen, Frank Witzel hat ein heutiges Faust-Äquivalent geschrieben: Doras Heldinnenreise rekurriert auf die klassische Form des Bildungsdramas. Das sein Finale nur eben nicht mehr in tiefen philosophischen Einsichten findet, geschweige denn in hoffnungsfrohen Zukunftsvisionen. Die Conclusio besteht vielmehr darin, dass die Heldin mit einer fundamentalen Sinnlosigkeitserfahrung zurechtkommen muss.
Feiler: Mich erinnert Dora tatsächlich an einen Hamster im Laufrad: Sie fühlt sich gefangen in einem ewigen Loop, sucht nach einer Alternative, empfindet diese Suche aber gleichzeitig als ausweglos und kommt deshalb überhaupt nicht vom Fleck.
Nicht einmal der Teufel, der in der Kulturgeschichte ja als verlässliche Adresse für den Ausstieg aus Hamsterrädern und unbefriedigenden Lebensroutinen gilt, kann Dora aus diesem Loop befreien. Das Dilemma beginnt schon damit, dass sie den Teufel in seiner biederen Angestelltengestalt überhaupt nicht erkennt, als er ihr über den Weg lauft.
Stöppler: Das finde ich das Konsequente an Witzels Text: Selbst der Teufel steckt in der Krise! Er ist ein mittelmäßiger, ziemlich ausgelaugter Handlungsreisender, der mal wieder seinen Koffer öffnet, um jemandem die Seele abzukaufen, seine Ware aber gar nicht mehr loswird, weil niemand mehr an irgendetwas glaubt. Das personifizierte Böse ist genauso aus der Zeit gefallen wie alle anderen Instanzen, die bis vor Kurzem als verbindlich galten. Die alten Regeln und Muster funktionieren nicht mehr, und Dora selbst ist als Suchende auch nicht mehr freundlich und nett, sondern wirklich wütend und selbst mit dieser Wut buchstäblich am Ende. Logisch, dass in dem Libretto auch sämtliche Motive der Theatergeschichte ausgedient haben.
Regisseurin Elisabeth Stöppler und Dirigentin Elena Schwarz auf der Premierenfeier von Dora
Letztere wird reichlich zitiert in Dora: Es gibt, neben der Faust-Paraphrase, zum Beispiel auch einen antiken Chor, und der Ton erinnert genau wie das Industriegebietssetting bisweilen an die britische In-your-Face-Dramatik der Neunzigerjahre. Frau Schwarz, wie spiegelt sich diese Ebenenvielfalt aus Ihrer Sicht als musikalische Leiterin des Abends in der Komposition von Bernhard Lang wider?
Elena Schwarz: Genau wie das Libretto enthält auch die Komposition unglaublich viele Schichten. Sie ist, im besten Sinne, so überladen, dass sie geradezu explodiert. Theoretisch besteht Dora zwar lediglich aus anderthalb Stunden Musik, aber praktisch habe ich das Gefühl, ich dirigiere einen kompletten Ring! Im Grunde handelt es sich um eine Meta-Oper, weil Bernhard Lang hier riesige Resonanzräume in die Musikgeschichte öffnet, von Richard Wagner über Richard Strauss bis zu Pink Floyd.

Stöppler: Dora ist eine Literaturoper. Bernhard Lang hat die Musik eng am Libretto entlang komponiert und dadurch ein extrem zu uns sprechendes Musiktheater geschrieben.

Schwarz: Ich hatte des Öfteren die Gelegenheit, mit ihm zu sprechen, und er hat immer wieder betont, dass der Text für ihn an erster Stelle stehe. Es ist ihm sehr wichtig, dass das Publikum ihn direkt verstehen kann, ohne ihn lesen zu müssen. Dieser Gedanke ist der Komposition deutlich eingeschrieben. Irgendwann kamen wir in unseren Unterhaltungen auf das berühmte Nietzsche-Zitat zu sprechen: »Frei ist, wer in Ketten tanzen kann.« Weil das Libretto wirklich ungeheuer vielschichtig ist, existieren, um im Bild zu bleiben, also durchaus starke Ketten. Aber die Komposition, die Bernhard auf dieser Basis geschaffen hat, geht definitiv in Richtung eines exzessiven Tanzes.
Bernhard Lang, eine Ikone der Neuen Musik, ist Ende der 1990er-Jahre mit Wiederholung und Differenz berühmt geworden, einer von denpostmodernen Theoretikern Gilles Deleuze und FelixGuattari inspirierten Loop-Technik, die mitRepetition und Variation arbeitet. Stellt diese Loop-Technik für Sie als Sängerin eine besondereHerausforderung dar, Frau Feiler?
Feiler: Absolut! Konsequente Redundanz gehört tatsächlich zum Schwierigsten, was einem auf der Bühne abverlangt werden kann. Normalerweise ist man darauf geeicht, bei musikalischen Wiederholungen den Ausdruck zu variieren, um eine neue Bedeutungsdimension anzureißen, das gehörte schon früher im Gesangsunterricht zum A und O. Wirkliche, reine Wiederholung widerstrebt geradezu dem künstlerischen Instinkt. Aber ich liebe solche Herausforderungen! Sie machen die Arbeit umso interessanter.
Wie geht es Ihnen in dieser Hinsicht als Dirigentin, Frau Schwarz?
Schwarz: Es stimmt, dass diese Technik für Bernhard Lang charakteristisch ist und er in seinen früheren Arbeiten viel mit ihr experimentiert hat. Jetzt steht für mich darüber hinaus noch ein anderer Aspekt im Vordergrund, der mich sehr fasziniert und mit diesem Rückgriff auf tradiertes musikalisches Material zusammenhängt. Die Komplexität, die auf diese Art entsteht, bildet nämlich einen bemerkenswerten Kontrast zur Größe des Orchesters: Obwohl bei uns nur vergleichsweise wenige Musikerinnen und Musiker im Orchestergraben sitzen, entstehen ungeheuer viele künstlerische Möglichkeiten, weil es zwei Synthesizer gibt, die ein völlig neues Fenster zu dem Material öffnen, das wir eigentlich sehr gut kennen.
Können Sie das konkretisieren?
Schwarz: Wir hören Reverenzen an Elektra oder den Ring, die aber nicht einfach reproduziert, sondern in einer komplett neuen Weise zitiert werden. Das finde ich an Dora sehr besonders: Es ist ein Werk, das zeigt, wie tief Bernhard Lang in dieser musikalischen Tradition verwurzelt ist. Er erzählte mir zum Beispiel, dass er zwei Straßen entfernt von dem Haus wohnt, in dem Franz Schubert gelebt hat, und Schubert spielt im dritten Akt seiner Oper tatsächlich eine ganz zentrale Rolle. Man kann also einerseits diese Tradition wahrnehmen, den Komponisten aber gleichzeitig auch als echten Zeitgenossen erleben. Dieses Spannungsverhältnis finde ich ziemlich einzigartig.
Dora kommt zwar zu keiner weltbewegenden Einsicht am Ende des Abends. Sie lernt aber vom Teufel durchaus eine Lektion. Ohne zu spoilern: Was lässt sich vom Teufel lernen?
Feiler: Oh, das ist schwierig! Spontan würde ich antworten: dass es nicht nur gut und böse, nicht nur richtig und falsch gibt, sondern eine ziemlich große Grauzone dazwischen.

Stöppler: Ja, das ist wirklich schwer zu sagen. Auf jeden Fall fand ich den Teufel, also zum Beispiel den Goethe-Mephisto, immer die wesentlich interessantere Figur als Faust.
Woran liegt das?
Stöppler: Daran, dass er so unmoralisch ist und sehr, sehr clever und schnell getaktet. Im Grunde verstärkt er nur das, was ohnehin angelegt ist in der Person, mit der er es zu tun hat: Er nimmt das, was sein Gegenüber äußert, ernst und versucht, es in seine eigene Ecke zu drängen. Das ist sehr dialektisch. Insofern habe ich durchaus Sympathie für den Teufel. Schwarz: Und apropos Rolling Stones: »You can’t always get what you want!« Auch eine wichtige Lehre und in gewisser Weise sogar eine tröstliche.
Warum ist es tröstlich, nicht alles bekommen zu können, was man möchte?
Schwarz: Weil es ganz wunderbar zeigt: Den optimalen Weg zu leben gibt es ohnehin nicht.
Aber fallt Ihnen eine bestimmte Reiseroute ein, die man auf diesem Weg unbedingt ausprobiert haben sollte?
Stöppler: Was meinen Beruf betrifft, so bin ich manchmal des Reisens von Theater zu Theater ziemlich müde. Und dann fehlt mir fast die Zeit, um aufzubrechen in die echte Ferne, einfach um des Erlebens willen. Andererseits mache ich mich mit jeder Produktion ja stets erneut auf die Reise, nehme neue Mitreisende mit in vergangene, zukünftige Welten, entdecke mit ihnen nie gekannte Wege und Umwege. Ich genieße dieses innere Reisen wie beim ersten Mal, dieses Reisefieber, dieses Fernweh werden wohl nie gestillt sein.

Dora

Mär 2024
https://www.staatsoperstuttgart.de Staatsoper Stuttgart Oberer Schloßgarten 6, 70173 Stuttgart

So
3
18:00 – 19:45
Opernhaus
Premiere
Besetzung
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Fr
8
19:30 – 21:15
Opernhaus
Besetzung
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Fr
15
19:30 – 21:15
Opernhaus
Besetzung
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Fr
22
19:30 – 21:15
Opernhaus
Besetzung
Apr 2024
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Mo
1
17:00 – 18:45
Opernhaus
Besetzung
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Do
4
19:00 – 20:45
Opernhaus
Besetzung
Mär 2025
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So
23
Opernhaus
Wieder im Repertoire
8-115 € / G, Karten ab 8. Juli 2024
Besetzung
https://www.staatsoperstuttgart.de Staatsoper Stuttgart Oberer Schloßgarten 6, 70173 Stuttgart

Sa
29
Opernhaus
8-115 € / G, Karten ab 8. Juli 2024
Besetzung
Apr 2025
https://www.staatsoperstuttgart.de Staatsoper Stuttgart Oberer Schloßgarten 6, 70173 Stuttgart

Fr
4
Opernhaus
8-115 € / G, Karten ab 8. Juli 2024
Besetzung
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Di
8
Opernhaus
8-115 € / G, Karten ab 8. Juli 2024
Besetzung