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27.04.2026 Im Bus der Sehnsucht
Im Bus der Sehnsucht
In „Station Paradiso" nimmt ein namenloser Busfahrer seine bunte Reisegesellschaft mit auf eine Nachtfahrt Richtung Süden. Von allen Fahrgästen verlangt er statt eines Fahrscheins einen Song aus deren Heimat – und sammelt sie alle in einem Archiv voller Erinnerungen und Melancholie. Doch wer genau sitzt in diesem Bus der Sehnsucht? Lernen Sie hier den Fahrer und seine Passagiere kennen!
Der Jugo-Schwabo kam als Migrant aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland, um zu überleben, und bestreitet seinen Lebensunterhalt teils durch legalen Fahrdienst, teils durch Schmuggel. Er besitzt einen deutschen Pass, doch sein Herz bleibt in der Heimat. Durch das wiederholte Ritual, ein Lied als Fahrschein zu verlangen, sammelt, ordnet und archiviert er als eine Art Seelenführer die verlorenen Erinnerungen seiner Mitreisenden – und letztlich auch seine eigenen.
Die junge Braut ist die Stimme einer Generation, die – auf der Suche nach sich selbst – zwischen Heimat-Nostalgie und deutscher Gegenwart schwankt. Sie hat sich nie zugehörig gefühlt und viele Kämpfe mit ihrer Mutter ausgefochten, die damals länger als geplant im Gastland blieb. Nun ist sie ausgerissen, das Brautkleid ihrer Tante Marija im Gepäck, und voller Sehnsucht nach einer Heimat im Balkan, die sie jedoch nur von wenigen Ferienbesuchen kennt.
In der Realität sitzt er in einem Pflegeheim in Stuttgart. Auf dieser Fahrt jedoch begegnet er seiner Tochter in Gestalt seines jüngeren Ichs, das damals mit seiner „Rock“-Attitude im sozialistischen Jugoslawien aneckte und deshalb mit seiner Gitarre nach Deutschland aufbrach, auf der Suche nach Freiheit. Doch die Musikkarriere stagnierte: Er arbeitete auf dem Bau und zog mit deutscher Frau und Kind in die Vorstadt. Der Traum von der Heimat aber blieb.
Sie ist eine erfolgreiche Karrierefrau, spricht akzentfrei Deutsch und Kroatisch und hat sich mit Fleiß und Disziplin ihren Platz im Leben erarbeitet. Obwohl sie füher ein Papa-Kind war, ist sie genervt von der Nostalgie ihres Vaters und hinterfragt seine romantisierten Rückkehr-Fantasien. Doch nun ist sie spontan in den Bus gestiegen, um zu seinem Heimatdorf zu fahren – denn obwohl sie es nicht wahrhaben will, steckt ein Teil seiner Sehnsucht auch in ihr.
Er kam er in den führen 80er Jahren aus Anatolien nach Stuttgart, um seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Nach zwei Jahren zog seine Frau nach Deutschland, die älteste Tochter weitere zwei Jahre später – weshalb die Bindung zu ihr nie sehr eng war. Er ist ein Romantiker und hörte über viele Jahre Orhan Gencebays Musik gegen das Heimweh. Heute sind dessen Kassetten in seinen Koffern verschlossen und er selbst lebt mit Alzheimer im Pflegeheim. Nun reist seine Tochter mit ihm in die alte Heimat, bevor er auch diese vergisst.
Die 46jährige wurde als Kind von den Eltern zunächst bei der autoritären Großmutter in Anatolien zurückgelassen und erst nach Stuttgart geholt, als dort ihr Bruder geboren wurde. Als Teenie hat sie gegen die strenge Mutter rebelliert. Ihr Bruder war immer der Liebling der Eltern, nach dessen Tod erkrankte der Vater an Alzheimer. Über ihre Homosexualität kann sie mit ihren Eltern nicht sprechen. Trotzdem liebt sie ihren Vater sehr, besucht ihn – verkleidet als ihr Bruder – im Pflegeheim und singt ihm Gencebay-Songs vor.
Aufgewachsen in der Armut des italienischen Südens arbeitete sie in Deutschland bis zu ihrer Rente in einer Wäscherei – ihre Tochter nahm sie mangels Kinderbetreuung mit zur Arbeit. Obwohl sie schon vor langer Zeit nach Deutschland gekommen ist, hat sie die Sprache nie richtig gelernt. Ursprünglich war sie Schneiderin, wie ihr Mann aus Neapel, musste ihr Handwerk jedoch aufgeben, um in der Wäscherei zu arbeiten. Auf ihrer Reise in die Heimat wird sie nun von ihrer Tochter begleitet.
Sie ist in ihren 30ern und in fast allen Belangen das Gegenteil ihrer Mutter. Sie ist modern, politisch engagiert und verärgert über den deutschen Staat, von dem ihre Mutter nicht einmal einen Deutschkurs zur besseren Integration angeboten bekam. Sie sieht die Träume, die ihre Mutter für das Leben in Deutschland aufgegeben hat und macht ihr deswegen Vorhaltungen. Diese gemeinsame Reise soll nun das angeknackste Mutter-Tochter-Verhältnis verbessern.
Der Neapolitaner wurde in Stuttgart geboren und ist jetzt in seinen 40ern. Er ist Single, vom Typ her schüchtern und ängstlich – seinem Vater war er immer nicht männlich genug. Dessen Heimat Neapel kennt er von Ferienreisen als Kind, doch er hat die Stadt und die Menschen dort immer als beängstigend empfunden. Heute war die Beerdigung seines Vaters und er hat dessen Urne gestohlen, um sie per Bus nach Neapel zu bringen, wohin sein Vater unbedingt wieder zurückkehren wollte.
Natürlich, die Komponistin ist keine Mitfahrerin – und doch hat sie die Figuren gemeinsam mit ihrer Librettistin Tanja Šljivar und vielen Stuttgarter*innen auf die Reise geschickt. In persönlichen Interviews hat sie mit zahlreichen Menschen gesprochen, die ihre Erfahrungen mit Migration innerhalb ihrer Familien mit ihr geteilt haben. Einige dieser Geschichten sind in die Entwicklung der Charaktere ihrer „Mixtape-Oper“ eingeflossen und verleihen ihnen dadurch eine ganz besondere Authentizität.
Fotos: Matthias Baus, Periklis Liakakis, Mateja Vrcković, martinamikelic.com
Sara Glojnarić
Station Paradiso
Eine Mixtape-Oper über die Sehnsucht nach Zuhause
Mai 2026
Station Paradiso
Besetzung
Station Paradiso
Do
14
15:00
Opernhaus
Opernhaus
Familienvorstellung, Nachmittagsvorstellung
8 / 17 / 26 / 40 / 53 / 66 / 82 / 99 / 115 €
Besetzung
Station Paradiso
Besetzung
Station Paradiso
Besetzung
Jun 2026
Station Paradiso
Besetzung
Station Paradiso
Besetzung
Station Paradiso
Besetzung
Station Paradiso
So
21
19:00
Opernhaus
Opernhaus
Zum letzten Mal in dieser Spielzeit
8 / 18,50 / 29 / 43 / 58 / 72 / 90 / 108 / 126 €
Besetzung