zurück
23.07.2026 (Opern-)Buchtipps für die Ferien
Endlich Sommer, endlich Theaterferien! Damit Sie nicht völlig opernlos durch die kommenden Wochen gehen müssen, haben wir hier einige ganz persönliche Buchtipps aus dem Team der Staatsoper für Sie gesammelt. Ob unterhaltsam, anspruchsvoll oder informativ – in jedem Fall immer mit dabei: ein Bezug zum Spielplan der kommenden Saison!
„Das Volk ging in diesen schlimmsten Jahren – den neunziger Jahren – ins Nationaltheater, weil hier die Heizung immer noch funktionierte“, heißt es in Tanja Šljivars Debutroman Nationaltheater. Vorhang auf für die Vergangenheit Jugoslawiens und die Gegenwart Serbiens, für Krieg, Macht, Intrigen, Karrierismus und Theater, Theater, Theater. 2019 war Šljivar Schauspieldirektorin am Nationaltheater in Belgrad – genau wie ihre Protagonistin Dina, die sich fragt, wie sie mit knapp 30 auf diese Position gekommen ist. Theorien zu ihrer Besetzung kreisen um ihre Verbindungen zur Regierung und anderen mächtigen Frauen, ihre sexuelle Orientierung und einen luziden Moment der Intendantin. Der Roman erzählt aber nicht nur Dinas Geschichte, sondern verschaltet sie mit der Geschichte des Theaters und des Landes – eine Empfehlung für alle, die etwas über Konservatismus und Kunst, über Ideale und Institutionen erfahren und mehr von der Station-Paradiso-Librettistin lesen möchten.
Tanja Šljivar: Nationaltheater. Roman. Übersetzt von Maša Dabić. 236 Seiten, Suhrkamp Verlag, € 25,– (Hardcover)
Julian Barnes: Der Lärm der Zeit (The Noise of Time). Roman. Übersetzt von Gertraude Krueger. 256 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, € 14,– (Taschenbuch)
Drei Schlaglichter auf das Leben des russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch wirft Julian Barnes in seinem Roman Der Lärm der Zeit – auf drei existentielle Situationen eines durchs sozialistische Regime Getriebenen. Gerade der erste Teil dieser Annäherung hat mich gepackt: Nachdem seine Oper Lady Macbeth von Mzensk das Missfallen Stalins errregt hat, sitzt der Komponist buchstäblich auf gepackten Koffern, raucht Kette und wartet voller Panik auf die Abholung durch die Geheimpolizei. Seine Frau und seine kleine Tochter sollen, wenn es soweit ist, schließlich nichts von seiner Verhaftung mitbekommen. Später begegnen wir ihm wieder als hochdekorierten Staatskünstler, der die offizielle sozialistische Kunstdoktrin im Ausland vertritt und immer mehr zum Funktionär des Systems wird. Ein feines Porträt über die Kompromisse, die das Überleben in einer Diktatur erzwingt – und über die Selbstverachtung, die dabei bleibt.
Leon Engler erzählt in seinem Roman Botanik des Wahnsinns die Geschichte seiner Familie, seiner Großeltern, seines Vaters und seiner Mutter, die alle unter diversen psychischen Krankheiten leiden. Engler fürchtet daher, ebenfalls zu erkranken – wird selbst dann aber Psychologe. Es ist zugleich die Geschichte einer Selbstfindung. Der Autor erzählt analytisch, doch leichtfüßig von prägenden Beziehungen, Erfahrungen und Stationen seines Lebenswegs vom Wiener Kaffeehaus über New York bis hin zur psychiatrischen Klinik. Das Thema klingt zunächst nicht nach leichter Sommerlektüre, doch Leon Engler geht – medizinisch bestens informiert – mit viel Empathie, Humor und Selbstironie der Frage nach „was treibt einen Menschen in den Wahnsinn?“ und was ist letztlich „normal“? Fragen, die auch in der Inszenierung Lucia di Lammermoor von Katie Mitchell verhandelt werden, die Lucia als vielschichtige Persönlichkeit zeichnet, deren psychischer Zusammenbruch eine Folge traumatischer Erlebnisse ist.
Leon Engler: Botanik des Wahnsinns. Roman. 208 Seiten, DuMont Buchverlag, € 16,– (Taschenbuch, erhältlich ab 11.8.2026)
Thomas Bauer: Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. 140 Seiten,
Reclams Universal Bibliothek, € 7,– (Taschenbuch)

Was haben die 75 verschiedenen Müsli-Varianten in unseren Supermarktregalen mit der Suche nach Eindeutigkeit zu tun? Beide sind Seiten einer Medaille: Zwei Seiten einer Gesellschaft, die einerseits Vielfalt suggeriert und die andererseits versucht, Vieldeutigkeit zu reduzieren. Für das Genre der Oper ist dieser Aspekt, den der Arabist und Islamwissenschaftler Thomas Bauer in seinem 2018 erschienen, mehrfach aufgelegten und ausgezeichneten Essay Die Vereindeutigung der Welt untersucht, besonders zentral. Die Mehrdeutigkeit oder Ambiguität ist gewissermaßen der Wesenskern unserer Kunstform, in der so viele Künste und Ebenen, historische Schichten und Perspektiven sowie – nicht zuletzt – die Gegenwart zusammenkommen. Die Lust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt, deren Verlust der Untertitel konstatiert, ist eine unbedingte Einladung in die Spielzeit 26/27.
In sage und schreibe 244 Hörspielfolgen sind Die drei ??? Justus, Peter und Bob ewig jung. Aber was wäre, wenn die drei Detektive älter würden? Christopher Tauber und Hanna Wenzel denken den Stoff weiter – und schicken die drei direkt in die Midlife-Crisis. Viele Jahre nach ihrem letzten gemeinsamen Fall treffen Justus, Peter und Bob in Rocky Beach wieder aufeinander: Justus ist ein kauziger Buchhändler geworden, Peter Gutachter für eine Versicherung, Bob Produzent einer Krimiserie. Für alle drei lief es schon einmal besser – als ein neuer Fall auftaucht. In düsterer Film-Noir-Manier entwirft diese Graphic Novel ein aufregendes Gedankenexperiment für ein erwachsenes Publikum. Ein großer Spaß (nicht nur) für Fans der Drei ???! Und wer nach dieser „Interpretation" (so der Untertitel) noch nicht genug hat: Band 2 der Serie bringt uns Justus Jonas näher als alle Hörspielfolgen zusammen.
Christopher Tauber/Hanna Wenzel: Rocky Beach. Eine Interpretation. Graphic Novel. 200 Seiten, Kosmos Verlag, € 25,– (Hardcover)
Hugo von Hofmannstal: Der Rosenkavalier-Film (1925) in: Gesammelt Werken in zehn Einzelbänden: Dramen V. Operndichtungen. 640 Seiten, Fischer Verlage, € 25,– (Taschenbuch)
An ein Chamäleon würde man vermutlich nicht denken, wenn man sich den Rosenkavalier vorstellt. Die Tür zur Flora ist bei dem Titel natürlich sofort weit aufgestoßen – die zur Fauna eher mittelbar. Klar, da heißt jemand „Ochs auf Lerchenau“. Doch dass Tiere in der Welt, die sich Strauss und Hofmannsthal ausgedacht haben, eine zentrale Rolle spielen, wird erst durch die Lektüre des Filmszenarios deutlich. „Kleine Hunde, Katzen, ein Chamäleon frei herumkriechend; ein Eichhörnchen in einem Käfig; Papageien“, so die Beschreibung der Wohnung von Ochs‘ Frau Mama. Was den 1926 erfolgreich in Dresden uraufgeführten Film sonst noch von der „Komödie für Musik“ unterscheidet, liest sich in knapp 30 Seiten recht schnell. Ob man dann noch in Danae oder die Vernunftheirat eintaucht, bleibt jeder*m selbst überlassen. Genauso wie die Frage, was man aus der Sache mit dem Chamäleon macht.
Eine warmherzige Geschichte über Heimat, Sehnsucht und Familienbande: Jan Weilers Roman – mittlerweile schon fast ein Klassiker – schildert auf humorvolle Weise die Erlebnisse eines Deutschen mit der italienischen Großfamilie seiner Frau. Sie ist Tochter eines italienischen Einwanderers und dessen deutscher Frau, und oft hin und her gerissen zwischen den beiden gegensätzlichen Mentalitäten. Durch mehrere Besuche seiner angeheirateten Verwandten in Süditalien lernt der Erzähler deren Eigenheiten und Herzlichkeit zu schätzen. Eine gemeinsame Italienreise des Erzählers mit seinem Schwiegervater wird für beide eine Reise in die Vergangenheit des Italieners: eine Kindheit in Armut, eine Jugend ohne Zukunftsperspektive und der Traum von einem besseren Leben im fernen Amerika – der ihn letztlich in den frühen 1960er Jahren nur bis Osnabrück brachte. Eine berührende und humorvolle Geschichte über den Geschmack von Zuhause – ganz so wie Station Paradiso.
Jan Weiler: Maria, ihm schmeckt’s nicht! Roman. 288 Seiten, Heyne Verlag, € 14,– (Taschenbuch), erstmals erschienen im Ullstein Verlag.
Tara Louise Wittwer: Nemesis’ Töchter. 240 Seiten, Knaur Verlag, € 18,– (Taschenbuch)
Tara-Louise Wittwer ergründet in Nemesis Töchter die Geschichte weiblicher Wut. Von der Antike über die Hexenverfolgung bis in die Gegenwart zeigt sie, wie sich patriarchale Strukturen und die Unterdrückung von Frauen über Generationen fortwirken. Weibliche Wut erscheint dabei nicht nur als Ausdruck von Ohnmacht, sondern auch als Potenzial für Widerstand und gesellschaftlichen Wandel. Eine solche Perspektive bleibt Katerina in Lady Macbeth von Mzensk leider verwehrt: Ihr Versuch einer Selbstverwirklichung endet im Verbrechen und kostet vier Menschen das Leben. Auch wenn sich Katerinas Geschichte nicht auf einen emanzipatorischen Befreiungskampf reduzieren lässt, verhandelt Schostakowitschs Oper die Frage, was geschieht, wenn weibliches Begehren, Frustration und Wut keinen gesellschaftlich akzeptierten Ausdruck finden. Wittwers Sachbuch bietet dazu eine kluge Perspektive und einen guten Einstieg in das Thema female rage.
Wie verschieden eine Geschichte aus zwei Perspektiven erzählt werden kann! Percival Everett gibt mit James dem Sklaven Jim aus Mark Twains Huckleberry Finn eine Stimme und macht ihn zum Protagonisten seiner Erzählung. Der 2024 erschienene Roman, 2025 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet, ist nicht nur eine spannende Abenteuergeschichte, sondern rührt auch an die Wurzeln der Vereinigten Staaten. Ähnlich wie die Geschichte jenes Paares, die Ivo Van Hove mit der Musik von Nina Simone und Frank Sinatra in I Did It My Way erzählt und in der die Utopie der Freiheit mit den Erfahrungen des Rassismus kollidieren. Unbedingt lesenswert.
Percival Everett: James. Roman. Übersetzt von Nikolaus Stingl. 336 Seiten, Hanser Verlag, € 26,– (Hardcover)
George Saunders: Fuchs 8. Roman. Übersetzt von Frank Heiber. 56 Seiten, Luchterhand Literaturverlag, € 12,– (Hardcover)
Fuchs 8, oder in der Schreibweise des Protagonisten: Fuks 8, ist so ein schlaues Füchslein, dass es sogar „mänschisch“ sprechen kann. Gelernt hat es diese Sprache, die in seinen Ohren wie Musik klingt, beim Geschichtenlauschen vor Menschenkinderzimmern. Nun nutzt es sie, um uns Menschen einen Brief zu schreiben: Über die paradiesische Zeit im Wald zusammen mit „Fuks 7“ und über eine „Mool“, die unsere menschlichen Artgenoss*innen in den Wald gebaut und die Füchse damit zum Auszug gedrängt haben. Auf einmal ist da nur noch Dreck, keine Bäume, Flüsse und Fische mehr und die Füchse gucken sich ratlos an: „Wau, was is da grat pasirt, wir kapirn null.“ George Saunders hat mit seinem Übersetzer Frank Heibert eine Kunstsprache erfunden, in der uns eine gleichermaßen wunderschöne, urkomische wie tieftraurige Geschichte über das Zusammen- und Gegeneinanderleben von Mensch und Tier erzählt wird. Eine Empfehlung für alle Fuchs-Fans und Janáček-Liebhaber*innen.