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05.05.2026 Wo ist das Paradies?
Wo ist das Paradies?
Wie bringt man echte Geschichten echter Menschen auf die Opernbühne? Wie wird Migrationsgeschichte erfahrbar? Und schließlich: Wo liegt eigentlich das Paradies – in Stuttgart vielleicht? In einem Interview mit Benedikt von Bernstorff sprechen die Komponistin Sara Glojnarić und Regisseurin Anika Rutkofsky über ihre Oper „Station Paradiso“. Am 10. Mai ist die Uraufführung!
Frau Glojnarić, seit wann sind Sie mit diesem doch sehr ungewöhnlichen Projekt beschäftigt? Sie haben ja nicht einfach ein fertiges Libretto vertont.
Glojnarić: Der Anlauf für diese Oper war lang. Anika und ich haben uns vor vier Jahren getroffen und überlegt, was für das Opernhaus interessant sein könnte. Uns hat das Thema der Diaspora fasziniert, die in Stuttgart aus den Familien der Gastarbeiter entstanden ist. Hier gibt es eine enorme Anzahl von Menschen mit südosteuropäischer Migrationsgeschichte. Zu Beginn der Recherche haben wir in der Abteilung für Migration im Stadtmuseum eine Kassette von 1976 gefunden. Die heißt Cancone di Napoli. Darauf hört man eine Familienfeier, auf der eine Großmutter mit einer sehr schönen, sehr alten Stimme ein Lied singt. Und uns wurde klar: Wenn es diese eine Kassette gibt, die quasi als analoge Sprachnachricht an die Familie in Deutschland geschickt wurde, muss es ganz viele ähnliche geben. Dann haben wir uns mit Leuten in Verbindung gesetzt und gefragt, ob sie auch solche Kassetten besitzen.
Frau Rutkofsky, Sie sind an dem Entstehungsprozess des Stücks von Anfang an beteiligt gewesen?
Rutkofsky: Als Regisseurin war ich sehr früh involviert. Unsere ersten Treffen fanden im Intendantenbüro statt, aber auch in einem Plattenladen, in Cafés und Museen hier in Stuttgart. Ich fand die Idee spannend, dass diese Oper aus der Stadt, meiner Heimat, und den Erfahrungen ihrer Menschen heraus entstehen sollte. Zusammen haben wir viel darüber geredet, welche Geschichte wir dem Publikum erzählen wollen. Wie sich die Struktur der Geschichte aufbaut. Welche Themen für uns dabei im Vordergrund stehen, welche Konstellationen von Figuren wir interessant finden. Ich bin grundsätzlich interessiert an neuen Erzählstrukturen und -perspektiven für die Oper. In Literatur und Film gibt es inzwischen viele Geschichten und Dramen, die von Migration erzählen, in der Oper eher weniger. Im Prozess wurde uns aber schnell klar, dass wir jemanden brauchen, der die vielen Ideen und Interviews durch ein geschriebenes Libretto einfängt. So kam die Autorin Tanja Šljivar ins Spiel.
Sie haben Uraufführungen, aber auch Stücke des klassischen Repertoires inszeniert. Unterscheiden sich diese beiden Kategorien für Sie grundsätzlich?
Rutkofsky: Beim klassischen Opernrepertoire hat man viele Interpretationen, die man studieren, gut oder schlecht finden kann. Analysen der Musik liegen in zahlreichen Fassungen vor. Auch die Sänger*innen kommen meist mit einer konkreten Idee ihrer Rolle zu den Proben. Bei einer Uraufführung erfinden wir hingegen neue Figuren, die aus unserer Lebenserfahrung, unserer Zeit heraus entstanden sind. Während der Proben bekommen sie zum ersten Mal ein Gesicht. Es geht weniger darum, ein Inszenierungskonzept zu erfinden, das eine neue Sicht auf die Geschichte und Figuren zeigt, als darum, eine neue Geschichte sichtbar, verständlich und fühlbar zu machen. Bei Station Paradiso war spannend, dass ich irgendwann mit meinem Konzept die Komposition überholen musste. Eine Opernproduktion braucht einen gewissen Vorlauf, weil so viele Menschen und Abteilungen involviert sind. Ich habe mit meinem Regieteam die Bühne und die Kostüme entworfen, bevor wir wussten, wie die Musik klingen wird. Ab hier war es ein Geben und Nehmen. Sara konnte aus unseren Ideen schöpfen und wir aus ihrer Musik. Wir konnten uns während der Arbeit gegenseitig inspirieren.
Die Komponistin Sara Glojnarić wurde in Zagreb geboren und studierte in Stuttgart Komposition. Heute lebt sie in Leipzig – für Station Paradiso ist sie nach Stuttgart zurückgekehrt. (Foto: Mateja Vrckovic)
Das Libretto basiert auf Interviews, die Sie mit vielen Menschen aus Stuttgart geführt haben. Wie haben Sie Ihre Gesprächspartner gefunden?
Glojnarić: Durch Privatkontakte, die sich zum Teil auch aus Gesprächen mit Mitarbeiter*innen hier am Opernhaus ergeben haben. Das ging erstaunlich einfach. Wir haben dadurch weitere Leute kennengelernt, und so hat sich der Kreis peu à peu vergrößert. Am Ende sind 27 Interviews entstanden, die jetzt den Anfang eines Oral-History-Archivs bilden. Eines Archivs der Stuttgarter Migrationsgeschichte, die von der Diaspora selbst erzählt wird. Manches kennt man aus der deutschen Perspektive, aber viel weniger aus der Sicht der anderen Seite. Es wäre fantastisch, wenn das Archiv als eine Art Satellit der Oper weiterbestehen könnte.
Wie haben Sie diese Interviews erlebt, und welche Rolle hat die Musik bei Ihnen gespielt?
Glojnarić: Die Interviews waren wunderschön, sehr rührend und heilsam für mich, aber auch für die Interviewten, glaube ich. Für manche war es erst etwas seltsam: Warum kommt ein Opernhaus auf mich zu und befragt mich über meine intimsten, zum Teil traumatischen Familienerinnerungen? Aber es hat sich gezeigt, dass die Menschen sehr offen und ehrlich antworten, wenn man mit einem aufrichtigen Interesse fragt, wenn man bereit ist, die Geschichten in ihrer ganzen, oft schmerzhaften Vielfalt wahrzunehmen. Der musikalische Kontext hat dabei geholfen. Das hat eine andere, sehr stark von Gefühlen geprägte Ebene geöffnet.
Rutkofsky: Im Grunde ist diese Oper eine über Musik. Die wirkt immer direkt auf die Sinne und das Herz. Man kann sie zwar harmonisch analysieren, aber man kann nicht kontrollieren, was sie in einer Person auslöst. Das hat meines Erachtens etwas Mystisches. Der Ursprung der Komposition sind Songs, Klänge, Musiken, die Erinnerungen, Empfindungen, eine Sehnsucht nach einem Ort, einer Heimat, eventuell auch nur eine Vorstellung von einem Ort, den man gar nicht selbst kannte, sondern nur die Eltern.
In der Oper ist Musik etwas Persönliches, verknüpft mit einer Familiengeschichte, und gleichzeitig etwas Kollektives, weil sie von vielen Menschen gehört wird. Frau Glojnarić, in Ihren Arbeiten gibt es einen soziopolitischen Kontext. Ist das auch hier der Fall?
Die Musiktheater-Regisseurin Anika Rutkofsky ist in Kasachstan geboren und wuchs in Baden-Württemberg auf. (Foto: augenderwelt)
Glojnarić: Man kann bestimmt sagen, dass diese Lieder eine kollektive Erinnerung bewahren, weil sie für bestimmte Communitys gedacht sind. In diesem Zusammenhang würde ich von einem soziopolitischen Aspekt sprechen. Es geht um die Entscheidung, welche Geschichte man überhaupt auf die Bühne bringen möchte: ein Märchen, das abstrakt ist, oder etwas sehr Konkretes, für das man vielleicht erst mal gar keine Blaupause hat. Ich hatte keine Blaupause, wie man eine postmigrantische Oper schreibt. Und ich hatte großes Glück, dass mir Anika und andere dabei geholfen haben, dieses Projekt von Anfang an zu denken.
Station Paradiso basiert auf dokumentarischem Material. Es gibt aber auch eine mythologische Ebene. Der Busfahrer aus dem ehemaligen Jugoslawien wird mit Charon, dem antiken Fährmann, in Zusammenhang gebracht. Sind solche Überschreibungen für Ihre Inszenierungen charakteristisch?
Rutkofsky: Grundsätzlich kann ich das nicht sagen. Realismus habe ich im normalen Leben genug. In der Oper möchte ich Dinge sehen und erleben, die darüber hinausgehen. In der Inszenierung hat der Fahrer mehrere Gesichter. Er ist der Busfahrer, der die Richtung vorgibt, seine Passagiere nicht über den Styx, sondern von »hüben nach drüben, von oben nach unten« fährt. Er ist auch ein mythologischer Archivar, der die Geschichten, Erinnerungen und Emotionen seiner Passagiere in seiner Werkshalle neu arrangiert, verknüpft und hörbar macht.
Das letzte Lied ist ein neapolitanisches Heimkehrer-Lied. Charon fährt seine Passagiere in die Unterwelt, Ihr Stück heißt aber Station Paradiso. Wie ist das mit der Idee der Diaspora verknüpft?
Glojnarić: Ja, da geht es um die Rückkehr, aber am Ende der Handlung sind wir wieder in Stuttgart. Und wir können nicht ganz sicher sein, ob wir jemals diese Reise gemacht haben. Insofern ist die Idee vom Paradies natürlich sehr ambivalent und ruft für jede Person ein unterschiedliches Bild hervor. Das kann auch ein positives sein. Es war uns wichtig, dass es nicht nur um Traumata geht. Das Leben existiert in diesem Raum zwischen hier und dort. Wo ist das Paradies? Hier in Stuttgart, in diesem neuen Leben, oder in der alten Heimat, die real nicht mehr existiert, aber trotzdem eine so große Rolle spielt?
Dieser Beitrag erschien zuerst in der Nr. 3 2025/26 von Reihe 5, dem Magazin der Staatstheater Stuttgart.
Sara Glojnarić
Station Paradiso
Eine Mixtape-Oper über die Sehnsucht nach Zuhause
Mai 2026
Station Paradiso
Besetzung
Station Paradiso
Do
14
15:00
Opernhaus
Opernhaus
Familienvorstellung, Nachmittagsvorstellung
8 / 17 / 26 / 40 / 53 / 66 / 82 / 99 / 115 €
Besetzung
Station Paradiso
Besetzung
Station Paradiso
Besetzung
Jun 2026
Station Paradiso
Besetzung
Station Paradiso
Besetzung
Station Paradiso
Besetzung
Station Paradiso
So
21
19:00
Opernhaus
Opernhaus
Zum letzten Mal in dieser Spielzeit
8 / 18,50 / 29 / 43 / 58 / 72 / 90 / 108 / 126 €
Besetzung