Manege frei

Eine fernschwäbische Begegnung mit Stephan Kimmig, der das neue Stuttgarter Rheingold -inszeniert – als Nachtzirkus
Text: Albrecht Selge

Exil-Stuttgart ist überall, aber bekanntlich ganz besonders in Berlin. Den Regisseur Stephan Kimmig treffe ich allerdings nicht im notorischen Prenzlauer Berg, wo das (halb ironische, halb verbiesterte) Schwabenbashing zum guten Motzton gehört, sondern in der Schöneberger Maultaschen Manufaktur, 730 Meter Luftlinie von der Wohnung entfernt, die sich vor langer Zeit einmal David Bowie und Iggy Pop teilten. Die Bruchstücke eines geknackten Fahrradschlosses liegen auf dem Gehweg, an der Wand des Lokals steht, gleich über unserem Tisch: „Wo ist mein SCHÖNEBERG“, drinnen tagt ein geselliger Schwabenstammtisch, wie jeden Montag. Nicht schlecht seien die Maultaschen, sagt der Stuttgarter Kimmig, nur etwas zu stark gebuttert; aber die Flädlesuppe zuvor sei sensationell gewesen.

Er inszeniert auch ein Bruchstück: das erste Viertel von Richard Wagners Ring des Nibelungen, den die Staatsoper Stuttgart knackt. Drei weitere folgen. Eine Zerlegung, die in Stuttgart Tradition hat, wo zur Jahrtausendwende die Teile der Tetralogie schon einmal von vier verschiedenen Regieteams inszeniert wurden. Der zerbrochne Ring, frei nach Heinrich von Kleist? Zwei Einflugschneisen gebe es für sein Herangehen ans Rheingold, erzählt Stephan Kimmig:

Einerseits der Chef mit den leeren Taschen, der Pleitier, der aufspielende Clown, der außer Tand nix zu bieten hat, und andererseits Wagners Revolutionsschriften von 1848/49. Da gibt’s ja Sätze, das glaubt dir niemand. Ich hab bei der Bauprobe ein paar Sachen zitiert, da kam die Dramaturgie: Moment, das ist aber nicht Lenin oder so? Das habt ihr doch ein bisschen zurechtfrisiert? Nee, das ist Original Richard Wagner. Und er fängt ja im selben Jahr an, das zu schreiben, den ersten Nibelungen-Prosaentwurf. Die Vehemenz, wie er Gesellschaft denkt und wie er sie verändert haben möchte, das ist verblüffend.
Das Schlimmste ist, wenn etwas nicht Sinn macht. Das kann ich nicht ab, das halt ich nicht aus
Stephan Kimmig
Immer wieder wird unser Gespräch von Sirenen unterbrochen, keinem Weiawaga der Rheintöchter, sondern wogenden Wellen vorbeisausender Polizeiautos. Ist halt asozial hier, ruft uns eine vorbeischlendernde Passantin zu, während wir zur Yorckstraße in der Dämmerung hinüberschauen. Und so behaglich es bei Maultaschen und Riesling ist, passt das alles irgendwie zu dem Ort, wo Kimmigs Rheingold-Flug landen soll – Nachtzirkus nennt er ihn.

Ein Ort, der vielleicht mal ein Varieté, ein Zirkus war, aber schon lange nicht mehr ist. Eine Brache, eine Leerstelle, und da sitzen sehr seltsame, surreale, abgehalfterte, kaputte … ja, keine Zirkusfiguren, sondern Nachtzirkus­figuren, wie in einem Albtraum. Dass der Ring Kapitalismuskritik in sich trägt, das weiß man ja. Nun könnte man den Wotan schon wieder als Geschäftsmann zeigen … Aber man müsste ja mal etwas schaffen können, was diesen Urtrieb Habenwollen, Kaufenwollen (und der betrifft uns alle, ich kenne niemanden, der in seinem Handeln dem nicht folgt) … Wie man das erzählen kann, dass es eine neue Erfahrung für den Zuschauer wird. Nicht nur eine Kritik, wo man sagt: ja, klar. Sondern dass aus der Lethargie, in der Wotan und Fricka rumhängen und festsitzen, bestimmte Spiele entstehen, spielerische Vorstellungen, die dann in Brutalität und Zerstörung übergehen.

Mehr als von Traditionen der großen Wagner-Regisseure (wie Wagner-Enkel Wieland, der Stuttgart einst sein „Winter-Bayreuth“ nannte) ist die Atmosphäre dieses Rheingolds von bildstarken Filmen geprägt. Den kunstvollen Horrorfilm Santa Sangre des Chilenen Alejandro Jodorowsky erwähnt Kimmig, völlig seltsame Menschen tauchen da in einem surrealen Zirkus auf. Oder auch David Lynchs Mulholland Drive:

Da fahren sie nachts in ein Varieté. Da ist überhaupt nichts, aber man weiß sofort, hier kann man alle Geschichten von Betrug, Verrat, Gier erzählen, und Alkohol, der bestimmt eine Rolle spielt bei Wotan. Die Dunkelheit. Denn das Rheingold ist ja auch ein unglaublich brutales Stück, Loge mit seiner Lust am Züngeln und Verraten, Fasolt wird von seinem Bruder erschlagen, die Natur wird zerstört.

Liebe nein, Goldgier ja, das bleibt der Grundantrieb des Stücks. Von dem soll Kimmigs Inszenierung handeln: in einer gewissen Weise naiv erzählt, sagt er, ohne dass es total naiv sei. Angetan ist er von der Stuttgarter Offenheit: der Lust, Dinge zusammenzukriegen. Bei seinen ersten (vielleicht noch unkontrollierter naiven) Operninszenierungen vor vielen Jahren, an­gefangen mit seinem Münchner Don Giovanni (2009), hat er auch das Gegenteil erlebt, Des­interesse und letztlich Frontalzusammenstoß von Musik und Regie. An der Staatsoper Stuttgart läuft es anders.

Natürlich muss man über Akustik reden, man muss sich absprechen und abstimmen, das ist ja klar, dass weit vorn die Musik kommt und dann erstmal nix. Aber der Dirigent Cornelius Meister und ich haben uns schon bei Hans Werner Henzes Prinz von Homburg kennengelernt, und das war so eine verzahnte Arbeit. Und so können auch im Nachtzirkus-Konzept des Rheingolds Dinge dazukommen, die Sinn machen. Nicht auf einer realistischen Ebene, sondern dass im Handeln andere Geschichten erzählt werden können, als die Musik es gerade tut. Sei es, dass es sie verstärkt oder infrage stellt … Denn das Schlimmste ist, finde ich, wenn etwas nicht Sinn macht, sondern nur so tut, als ob es Sinn machen würde. Das kann ich nicht ab, das halt ich nicht aus.

„Sinn machen“ klingt aus Kimmigs Mund nicht wie ein dahingeredeter Anglizismus, sondern wie eine genaue Beschreibung seiner Arbeit. Er trennt die Wörter demonstrativ, immer wieder: Sinn – machen. Man spürt das griechische poiein darin, das Herstellen von Sinn. ­Musiktheater schaffen. Statt Häusle baue … Doch wie der Zufall es will, führt uns der Weg, als der Schöneberger schwäbische Abend sich in Nacht verwandelt hat, in die Dunkelheit vorbei an einem großen Baumarkt. Eine Brache liegt dort, hinter der Regionalzüge durchs Schwarz sausen; nicht weit entfernt geht’s durch Gebüsch in ein ehemaliges Langzeit-Ödland, das kürzlich erschlossen wurde und sich in einen beliebten Berliner Park verwandelt hat. Doch davon sehen wir hier nichts, wir bleiben im kleinen Nirgendwo. Pfützen sind zu regelrechten Teichen geworden in diesem verregneten Sommer, ringsum zirpen die Grillen, und aus umzäunter, hell erleuchteter Höhe hören wir im Finstern laute Stimmen: Sieh an, auf dem Dach des Baumarkts liegt ein Sportplatz. Aus dem schwarzen Unterholz taucht währenddessen ein Fuchs auf, huscht vorüber, verschwindet. Oder war’s am Ende Loge, oder irgendeine andere Nachtzirkusgestalt?


Der Schriftsteller und Musikkritiker Albrecht Selge lebt in Berlin. Irgendwann will er mal einen
Roman über Wagner schreiben. Zuletzt erschienen von ihm Fliegen und Beethoven bei Rowohlt Berlin.

Dieser Artikel erschien in der November-Ausgabe des Monatsmagazins Reihe 1 der Staatstheater Stuttgart.

Das Rheingold

Nov 2021
https://www.staatsoperstuttgart.de Staatsoper Stuttgart Oberer Schlossgarten 6, 70173 Stuttgart

So
21
18:00 – 20:45
Opernhaus
Premiere
Besetzung
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Mi
24
19:30 – 22:15
Opernhaus
Besetzung
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Sa
27
19:00 – 21:45
Opernhaus
Besetzung
Dez 2021
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So
12
18:00 – 20:45
Opernhaus
Besetzung
https://www.staatsoperstuttgart.de Staatsoper Stuttgart Oberer Schlossgarten 6, 70173 Stuttgart

Fr
17
19:30 – 22:15
Opernhaus
Besetzung
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So
19
18:00 – 20:45
Opernhaus
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Feb 2023
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Sa
25
Opernhaus
Wieder im Repertoire
8-139 €/I
Besetzung
Mär 2023
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Fr
3
Opernhaus
8-139 €/I
Besetzung
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Di
14
Opernhaus
8-139 €/I
Besetzung
Apr 2023
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Mi
5
Opernhaus
8-139 €/I
Besetzung