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16.10.2026 Einfach gute Musik
Nicholas Carter im Interview
Einfach gute Musik
Nicholas Carter ist der neue Generalmusikdirektor der Staatsoper und des Staatsorchesters Stuttgart. Am 25. und 26. Oktober stellt er sich beim 1. Sinfoniekonzert dem Stuttgarter Publikum erstmals als Konzertdirigent vor. Zu seinem Antrittskonzert hat Otto Hagedorn mit ihm gesprochen.
Lieber Nick – ich freue mich: Dein erstes Sinfoniekonzert hier in Stuttgart. Was sind Deine Gefühle und Gedanken?
Nicholas Carter: Ich habe meinen Vertrag vor fast zwei Jahren unterschrieben, dann haben wir viel geplant. Dass ich jetzt hier bin und richtig anfangen kann, freut mich wahnsinnig. Ich fühle mich an der Staatsoper rundum wohl und musikalisch wie künstlerisch zu Hause – mit diesem wunderbaren Orchester, dem tollen Chor. Das gesamte Team ist unglaublich unterstützend, und dadurch habe ich schon jetzt das Gefühl, angekommen zu sein.
Hast Du schon Eindrücke vom hiesigen Publikum?
Das Stuttgarter Publikum ist ja regelrecht berühmt: Es ist ausgesprochen gebildet und engagiert, es interessiert sich brennend dafür, was hier im Theater und beim Staatsorchester vor sich geht. Und es ist stolz auf sein Haus: auf die Oper, auch auf das Ballett und das Schauspiel. Stuttgart ist dank seiner kulturaffinen und neugierigen Bürgerinnen und Bürger eine besonders reiche Kulturstadt. Und ja: Ich freue mich sehr, jetzt musikalisch in den Austausch zu treten – auf den Dialog zwischen Staatsoper, Staatsorchester und dem Publikum.
Auftakt zu einer neuen Ära: Im Sommer stellte sich Nicholas Carter dem Publikum bei einer sommerlichen Party vor – und stellte sich sogar selbst an den Grill.
Ich erlebe Dich in unserer Zusammenarbeit als zugewandt, zielstrebig, humorvoll, entscheidungsfreudig und mit einer gesunden Prise Pragmatismus. So bringst Du Dich auch hier in Stuttgart ein: Zur Begrüßung hast Du Dich selbst an einen Grill gestellt, musizierst mit dem Sing-along-Konzert gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern der Stadt, und nach jedem Deiner Montags-Sinfoniekonzerte unterhältst Du Dich beim neuen Format Auf einen Drink mit Nicholas Carter mit einer Persönlichkeit aus der Stuttgarter Stadtgesellschaft.
Ich glaube, wir müssen alles tun, um die wunderbare Kunst, die Musik und die Oper noch näher an die Menschen in der Stadt zu bringen. Wir wollen kein elitäres Stereotyp bedienen, sondern zeigen: Klassische Musik ist eine Kunstform für alle – egal, ob man als Kind Geige gelernt hat oder nicht. Wenn man ins Konzert oder ins Theater geht, lernt man sich selbst besser kennen. Und man erlebt hier eine sympathische, weltoffene und neugierige Gesellschaft. Wir wollen, dass unser Angebot für die ganze Stadt da ist. Und deswegen finde ich es enorm wichtig, dass wir Veranstaltungen machen wie unser Sing along oder – ja: den Drink with Nick. Weg von der traditionellen Vorstellung, dass Künstlerinnen und Künstler im Elfenbeinturm leben. Wir machen unsere Türen freudig auf und laden die Menschen herzlich ein, zu uns zu kommen.
Nicholas Carter und das Staatsorchester Stuttgart bei ihrem ersten gemeinsamen Auftritt in dieser Saison beim Beethovenfest Bonn 2026
(Foto: Nekame Klasohm)
(Foto: Nekame Klasohm)
Deinen Einstand als Chefdirigent des Staatsorchesters Stuttgart hast Du kürzlich bereits gegeben, beim Beethovenfest in Bonn, mit Musik von Kaija Saariaho, Schubert und Wagners erstem Walküren-Akt. Wie war es?
Gigantisch! Sensationell! Walküre, erster Akt – das kennt das Staatsorchester natürlich in- und auswendig. Ich dirigiere es ein bisschen anders, als es in den letzten Jahren gemacht wurde. Aber es gab eine große Spielfreude und Neugier im Orchester. Außerdem haben wir Schuberts Unvollendete gespielt, einfach ein grandioses Stück. Und Kaija Saariahos Ciel d’hiver aus dem Jahr 2013 war ein regelrechtes Aha-Erlebnis für viele im Orchester. Auf den ersten Blick klingt es vielleicht sehr einfach oder fast einfarbig. Aber das Staatsorchester hat es mit einer tiefen, farbenreichen Palette gespielt und eine zauberhafte Stimmung geschaffen. Im Saal war es mucksmäuschenstill.
Das Staatsorchester Stuttgart ist ein originäres Opernorchester. Wie wichtig ist es, auch rein instrumentale Konzertmusik zu spielen?
Äußerst wichtig! Im Orchestergraben spielt das Orchester bei Opernaufführungen zwar auch eine ungemein wichtige Rolle, visuell steht aber eher das Geschehen auf der Bühne im Mittelpunkt. Deshalb ist es unerlässlich, ein Opernorchester auf die Bühne zu holen und als Star zu präsentieren – wie es den großartigen Musikerinnen und Musikern angemessen ist.
An den Beginn dieses Saisonauftakts hast Du eine Komposition von Unsuk Chin gesetzt: Frontispiece aus dem Jahr 2019 – also ganz neue Musik, komponiert von einer Frau. Inwiefern ist diese Wahl programmatisch zu verstehen?
Ich finde schlicht und einfach, Unsuk Chin ist eine der besten Komponistinnen der Welt – egal, ob Frau oder Mann. Sie ist in Korea geboren und hat unter anderem in Hamburg studiert. Sie ist stark von der deutschen Kultur geprägt, und sie kennt das deutsche Repertoire bis ins Detail. Auch in Frontispiece jongliert sie mit dieser Tradition – und zwar fantastisch farbenreich und teils sehr lustig und freudig. Das Staatsorchester Stuttgart spielt ein breites Repertoire. Und wir beginnen unsere Saison mit einem Stück, das wahnsinnig viele Codes aus der klassischen Musikliteratur nimmt und sie spielerisch zusammenwürfelt. Natürlich finde ich es wichtig, dass wir Komponistinnen spielen. Aber was mich vor allem interessiert, ist gute Musik. Zwar finde ich, dass man alles dafür tun muss, mehr Werke von exzellenten Komponistinnen im Repertoire zu haben. Aber letztlich geht es um die Qualität. Und das ist es, was mich und, so glaube ich, auch das Publikum interessiert.
Dann Elgar, Cellokonzert. Große, elegische Spätromantik. Hast Du zu dieser spezifischen Emotionalität eine besondere Vorliebe?
England und Australien – das ist eine spezielle Beziehung. Das alte Mutterland … Natürlich sind wir Australier in vielerlei Hinsicht immer noch sehr englisch, aber es gibt eine natürliche Konkurrenz zwischen Old World und New World. Elgar wird in meiner Heimat viel gespielt. Seine Sinfonien, das Cellokonzert, das Violinkonzert und das Oratorium The Dream of Gerontius gehören tatsächlich zum Kernrepertoire. Das Cellokonzert ist wunderschöne, sentimentale Musik – sehr, sehr englisch, aber auch von deutscher Musik beeinflusst. Und ich finde, Elgar und Strauss passen wirklich gut zusammen. Strauss hat die Musik von Elgar geschätzt. Und Elgar die Musik von Strauss. Sie haben eine durchaus ähnliche Ästhetik: eine gewisse Sentimentalität, die immer auch ein bisschen aristokratisch ist.
Als Solisten hast Du Kian Soltani eingeladen. Was ist für Dich das Besondere an diesem Musiker?
Ganz einfach: Kian Soltani ist einer der absolut besten Cellisten der Welt. Er hat das Dvořák-Konzert zusammen mit Daniel Barenboim aufgenommen und war Solist etwa bei den Wiener Philharmonikern, beim Tonhalle-Orchester Zürich oder beim Mahler Chamber Orchestra. Und wenn man Elgars Cellokonzert aufführt, braucht man einen erstklassigen Solisten. Seine Expertise und seine besondere Musikalität hier in Stuttgart zu präsentieren, ist für mich eine große Freude.
Für Nicholas Carter „die wahren Heldinnen und Helden“: die Mitglieder des Staatsorchesters Stuttgart.
(Foto: Matthias Baus)
(Foto: Matthias Baus)
Nach der Pause dann: Richard Strauss’ Ein Heldenleben. Als wir das Programm für dieses Konzert zusammengestellt haben, stand immer wieder die Frage im Raum: Ist dieses Stück mit seinem nicht unproblematischen Titel die richtige Wahl? Transportiert dieses Werk die richtige Botschaft für Deinen Antritt? Daher jetzt meine provokante Frage: Bist Du ein Held?
(sehr entschieden:) Ich bin auf keinen Fall ein Held, überhaupt nicht! – Oder andersherum: Jeder Mensch ist ein Held. Schon allein durchs Leben zu kommen, ist eine Heldentat. Rein pragmatisch gab es hier in den letzten Jahren den großen und super erfolgreichen Mahler-Zyklus mit Cornelius Meister. Mahler stand daher natürlich nicht zur Debatte. Aber zur Saisoneröffnung und im Antrittskonzert eines Generalmusikdirektors braucht man ein Stück, das die Qualität und die Persönlichkeit des Orchesters erlebbar macht. Und Ein Heldenleben, so sagt man auf Englisch: „ticks all the boxes“. Natürlich haben wir uns gefragt, ob es weird sein könnte, mit diesem Werk zu beginnen. Aber die Musik ist gigantisch, sie zeigt alles – quasi ein großes Konzert für Orches-ter. Jede Gruppe hat extrem viele Momente, sich zu präsentieren, wie auch unsere neue Konzertmeisterin Vladyslava Luchenko mit einem der größten Violinsoli der gesamten Orchesterliteratur. Es ist ein höchst virtuoses Stück, sehr leidenschaftlich, manchmal sehr bombastisch, manchmal sehr intim. Es gibt auch immer wieder eine gewisse Ironiedarin – und dieses Humorvolle passt vielleicht ein bisschen zu meiner Persönlichkeit. Ich finde vor allem: Ein Heldenleben bietet großartige Möglichkeiten für das Staatsorchester Stuttgart, sich zu zeigen. Dessen Musikerinnen und Musiker – das sind für mich die wahren Heldinnen und Helden.
1. Sinfoniekonzert 2026/27
Werke von Unsuk Chin, Edward Elgar und Richard Strauss