Fundbüro: die kommentierte Playlist

Auf eine Art funktioniert die JOiN-Produktion „Fundbüro“ wie ein Konzeptalbum über das Finden und Verlieren. Die Band, die Sänger*innen und Autor und Regisseur Martin Mutschler haben verschiedene Musik collagiert und sie in einen szenischen Zusammenhang gebracht, wo sie neue Bedeutungen annehmen. Was verbirgt sich hinter den einzelnen Nummern? Ein kleiner Bericht von Martin Mutschler.
Se equivocó la paloma
Die Taube hat sich geirrt
Dieses Gedicht von Rafael Alberti – surrealistisch, voller intensiver Bilder – kenne ich seit meinem Spanischstudium. Ich wusste aber nicht, dass es in seinem Erscheinungsjahr 1941 gleich von Carlos Guastavino vertont wurde. Itzeli Jáuregui, die die Figur des Faktotum spielt, hat es mir gezeigt, und jetzt ist sie es, die damit das Fundbüro eröffnet und in den Worten des Dichters eine Irritation zum Leben erweckt, die beschreibt, was passiert, wenn der gewohnte Trott durch neue Gefühle durcheinander kommt: „Die Taube hat sich geirrt – anstatt nach Norden ging sie nach Süden. Sie dachte, der Weizen wäre Wasser, das Meer wäre der Himmel, dein Herz wäre ihr Haus …“
El paño moruno
Das maurische Tuch
Ein altes spanisches Volkslied, von Manuel de Falla vertont, der dem Ganzen die Schnelligkeit und Quirligkeit gibt, die zum Auftritt des „Ewigen Finders“ passt. Diese Figur soll das Stück immer wieder unterbrechen und auflockern – als jemand, der es nicht ganz so schwer im Leben hat und einen merkwürdigen „Beruf“ gewählt hat, der viel mit Finden und Verlieren zu tun: Wie Robin Hood sorgt er dafür, dass gewisse Dinge schneller als gewohnt den Besitzer wechseln … Der Text des Lieds handelt vom Taschentuch, das noch im Laden einen Fleck bekommt und deswegen nicht mehr zum vollen Preis verkauft werden kann. Was sich wohl dahinter verbirgt?!
Canción de las simples cosas
Lied von den einfachen Dingen
Mit seinem zweiten musikalischen Beitrag zeigt Jacobo Ochoa als Ewiger Finder seine empathische Seite; er tröstet hier die Figur Faktotum, die gerade erzählt hat, wie sie ihren Lebensmenschen verloren hat. Er tut das mit dem „Lied von den einfachen Dingen“, das durch Mercedes Sosa bekannt wurde und hinter dessen einfacher Melodie sich eine melancholische Botschaft verbirgt: „Man kehrt immer an die Orte zurück, wo man das Leben geliebt hat, und versteht, wie abwesend die geliebten Dinge sind“. Aber auch der Appell: „Geh jetzt nicht weg und träum von der Rückkehr. Bleib noch da!“
Hua fei hua
Blume, keine Blume
Ein geheimnisvolles Lied, basierend auf einem chinesischen Gedicht, das wie ein Rätsel klingt: „Blume, keine Blume; Nebel, kein Nebel.“ Als Alma Ruoqi Sun, die Primavera spielt, es vorgeschlagen hat, ist uns aufgefallen, wie gut es mit Faktotums „Die Taube hat sich geirrt“ korrespondiert. Beide Figuren drücken – in der Muttersprache der Sängerinnen – das Gefühl aus, dass da ein flüchtiges Gefühl ist, das sich im nächsten Moment schon in Luft auflösen kann – und das doch die Welt bedeutet.
Knoxville, Summer of 1915
Wie klingt eine Idylle, die man verloren hat? Das „Ewige Kind“ nimmt uns mit in seine Kindheit, als die Erwachsenen noch merkwürdige Wesen mit riesigen Körpern waren und Gerüche und Geräusche einem noch in Technicolor entgegensprangen. Und als man es kaum erwarten konnte, bis man Geburtstag hatte: „Alle sind da, Mama ist da, Papa ist da … und ich bin auch da.“ Aber dann passiert etwas, das man bis heute nicht begreifen kann. – Um das zu erzählen, verwenden wir den Löwenanteil von Samuel Barbers Orchesterlied, das Joseph Tancredi selbst vorgeschlagen hat: eine Fantasie in vielen Farben.
Jeg stængte for mit Paradis
Ich sperrte mein Paradies zu
Peer Gynts Serenade aus Edvard Griegs Musik zum dramatischen Gedicht von Henrik Ibsen ist eigentlich ein ziemlich aufmüpfiges Ständchen: „Ich sperrte mein Paradies zu und nahm den Schlüssel mit.“ Hier singt es der Teppichmann im norwegischen Original, der Muttersprache von Aleksander Myrling. Er singt es, um sich selbst Mut zu machen – wie man vielleicht im Wald gegen die Angst ansingt. Die scheinbar unbeteiligte Figur hat längst gemerkt, dass sie eine Aufgabe in der Welt des Fundbüros spielt. Und dass der Gang „down memory lane“, wie es so schön auf Englisch heißt, kein einfacher wird.
Zeffiretti che sussurrate
Zephyrwinde, die ihr säuselt
Wir wollten auch eine klassische Arie im Programm haben – hier ist sie! Vivaldis virtuose Beschwörung der Zephyrwinde („Sagt meinem Liebling wenigstens, dass ich ihn liebe“) bringt hier neue Gefühle ins Spiel, denn Primavera beschließt, sich im Fundbüro einschließen zu lassen. Eine ganz besondere Nachtmusik, von der Band um Ui-Kyung Lee als gefährlicher Traum arrangiert und von Alma Ruoqi Sun als Verführung gesungen.
Tomaszów
Im Kern der schmerzhaften Auseinandersetzung mit der Vergangenheit steht dieses Lied, ein polnisches Chanson aus den 1970er Jahren. Tomaszów ist eine Stadt – und in die möchte die Sängerin mit dem, zu dem sie singt, zurückfahren, „um unser damals traurigerweise nicht beendetes Gespräch abzuschließen“. Aber die Welt ist nicht mehr dieselbe, die neuen Bewohner*innen haben merkwürdige Möbel aufgestellt – und sie haben auch sonst nichts verstanden von den Versäumnissen der Welt. „Und doch ist noch alles dort enthalten, dieselbe Septemberstille. Noch immer rinnt mir aus meinen hellen Augen eine Träne zum Mundwinkel, und du sagst nichts und isst nur grüne Weintrauben.“ Ein dreifaches Hoch auf Itzeli Jáuregui, die hier ein Lied in einer für sie ganz neuen Sprache gelernt hat und es glanzvoll zum Leben erweckt!
Der Doppelgänger
Wenn das „Fundbüro“ ein Planet ist, dann sind wir jetzt auf der Nachtseite angekommen: bei Heinrich Heines finsterer Fantasie vom Doppelgänger, von Franz Schubert in karge Töne gegossen. Der Teppichmann ringt hier um seine Existenz und kann sich doch selbst nicht entkommen. Schmerz und Reibung – eine Sternstunde auch für die Fundbüro-Band. Der Doppelgänger sitzt hier auch im Arrangement: Klavier und Keyboard sind hier um einen Viertelton verstimmt, ein Einfall von Shawn Chang, Pianist des Opernstudios.
Era tutto già previsto
Es war schon alles vorausbestimmt
Der romantische Gegenentwurf als Comic Relief – das Ewige Kind schließt hier seinen Frieden und findet die große Pose, unterstützt von seinen neuen Freund*innen. Der italienische Schlager erzählt von der größten Eifersucht, die Musik ist aber ein Triumph allererster Güte: Schrei alles raus, dann wird es dir besser gehen!
The Spring Time of the Year
Die Frühlingszeit des Jahres
Volkslieder haben für mich einen besonderen Reiz, sie reichen ganz tief in ein kollektives Bewusstsein: Wer singt hier und für wen? Viele Komponist*innen haben in ihren jeweiligen Sprachen solche Lieder arrangiert, der Brite Ralph Vaughan Williams auf besonders schöne Weise. Dieses handelt davon, wie die Liebe im Frühjahr neu einzieht – und ist doch für mich von einer tiefen Traurigkeit durchzogen. Gleichzeitig signalisiert es eine Gemeinschaft: Die fünf Sänger*innen finden hier in immer neuen Harmonien zueinander. Ich liebe diese unauflösbaren Kontraste, denn so – frühlingshaft und deprimierend, in Einsamkeit und in Gemeinschaft – vergeht schließlich das Leben.
Walzer / Is it cold in the water? / Anoche
Walzer / Ist es kalt im Wasser? / Letzte Nacht
Wenn ich nicht schlafen kann, mache ich Playlists für meine Freund*innen. Und dabei geht es immer um die perfekten Übergänge: Welches Lied passt zum vorigen? Um fürs Fundbüro aus den relativ kurzen Einzelnummern auszubrechen, wollte ich für den dramatischen Höhepunkt eine Art Medley haben – und so kommt es, dass ein Brahms-Walzer und zwei Elektro-Popsongs von trans*-Künstlerinnen zu einer großen queeren Liebesszene verschmelzen. Primavera bekommt hier eine Ahnung davon, welche Geschichte Faktotum mit sich trägt („Ist es kalt im Wasser?“) – und diese wiederum erzählt ihr von ihren geheimsten Träumen: „Letzte Nacht hab ich von dir geträumt, und wie ich die Wunden der Kriege, die du kämpfst, geheilt habe. Ich träumte davon, wie wir gleichzeitig starben, und weinte vor Glück.“ Dann schwingt sich die Mezzosopranistin Itzeli Jáuregui in höchste Höhen hinauf – und auch das allerletzte Eis schmilzt.
Come again
Komm wieder
Was kommt nach der Liebe? Vielleicht verlängern wir den Abend noch mit einem letzten gemeinsamen Lied? Hier ist es das schlichte „Come again“ von John Dowland (1563–1626): Wir setzen uns, und du bist hier, und du, und du. Und ich bin auch da. Fürs Erste ist Ruhe eingekehrt im Fundbüro.

Fundbüro

Eine musikalische Expedition von MEMBRA
Jan 2024
https://www.staatsoperstuttgart.de Staatsoper Stuttgart Oberer Schloßgarten 6, 70173 Stuttgart

Fr
19
19:00
Nord
Premiere
Besetzung
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So
21
19:00
Nord
Besetzung
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Di
23
19:00
Nord
Besetzung
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Do
25
19:00
Nord
Besetzung
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Fr
26
19:00
Nord
Besetzung
Mai 2024
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Di
14
19:00
Nord
Besetzung
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Do
16
19:00
Nord
Besetzung
Jun 2024
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Do
13
19:00
Nord
Besetzung
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Fr
14
19:00
Nord
Vorstellung entfällt
Besetzung
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Sa
15
19:00
Nord
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Di
18
19:00
Nord
18/7 €
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Do
20
19:00
Nord
18/7 €
Besetzung
Jun 2025
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Do
5
Nord
Karten ab 2 Monaten vorher
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Sa
7
Nord
Karten ab 2 Monaten vorher
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Do
12
Nord
Karten ab 2 Monaten vorher
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Sa
14
Nord
Karten ab 2 Monaten vorher
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Do
26
Nord
Karten ab 2 Monaten vorher
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Sa
28
Nord
Karten ab 2 Monaten vorher
Besetzung