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12.05.2026 Hi Nick!
Hi Viktor!
Wie wird die erste gemeinsame Saison? Intendant Viktor Schoner und der designierte Generalmusikdirektor Nicholas Carter sprechen über australische Wurzeln, programmatische Linien der Spielzeit und darüber, was Stuttgart so besonders macht.
Viktor Schoner: Nick, du kommst aus Australien. Wann hast du überhaupt zum ersten Mal von der Existenz dieser Stadt namens Stuttgart gehört?
Nicholas Carter: Von Stuttgart schon als Kind, aber von der Oper erst, als ich nach Deutschland gekommen bin. Dabei wurden hier so viele wichtige Opern von Komponisten wie Richard Strauss, Carl Orff oder Philip Glass uraufgeführt! Und es haben große Künstler*innen in Stuttgart gearbeitet.
VS: Wie kamst du eigentlich dazu, dich mit klassischer Musik zu beschäftigen?
NC: Ich komme aus keiner besonders musikalischen Familie. Ich habe zwar Geige und Klavier gelernt, aber so richtig in Berührung mit klassischer Musik kam ich erst, als ich beim National Boys Choir mitsingen durfte. Nach einem gemeinsamen Auftritt mit dem Melbourne Symphony Orchestra war ich dann völlig besessen von Musik und wollte am liebsten Komponist oder eben Dirigent werden. Und ich war stur genug zu sagen: Diesen Weg will ich gehen.
VS: In den letzten Jahren warst du Chefdirigent in Klagenfurt und Bern, aber auch international unterwegs, zuletzt mit Arabella an der Metropolitan Opera, wo du ja regelmäßig zu Gast bist. Worauf freust du dich beim Staatsorchester Stuttgart?
NC: Klagenfurt und Bern waren für mich wahnsinnig wichtig, dort hatte ich die Möglichkeit, Stücke wie den Ring oder Pélleas et Mélisande zu machen. Als junger Dirigent wirst du ja nicht automatisch an große Häuser eingeladen, um das große romantische Repertoire zu dirigieren. Da wirst du für eine Zauberflöte eingeladen, aber eben nicht für Elektra. Jetzt als Generalmusikdirektor auf so einen erfahrenen Klangkörper zu treffen, ist ein großes Geschenk. Man fängt nie bei Null an, die Musiker*innen hier haben ein Repertoire wie den Ring einfach im Blut.
VS: In deinem ersten Jahr dirigierst du bei uns viel Richard Strauss, der für Stuttgart ja nicht nur wegen der Uraufführung seiner Ariadne auf Naxos wichtig ist.
NC: Gerade seine Tondichtungen bringen für mich zwei Welten aufs Schönste zusammen: Ich höre da einerseits viel Mozart und Haydn, er weist aber auch in die Zukunft. Und ich freue ich mich auf den Rosenkavalier! Aber es ist ja noch so viel mehr geplant …
VS: Ja, wir sind nicht nur Staats-Oper, sondern ganz dezidiert auch Stadt-Oper. Dazu gehört, ein Programm für möglichst viele anzubieten, etwa mit der ersten Drei ???- Oper. Überhaupt gehören Uraufführungen zentral zu unserer Kunstform. Mit Atatürk wenden wir uns bewusst an die türkischstämmige Community. Viele Entscheidungen fallen aber auch im Hinblick auf unser großartiges Gesangsensemble.
NC: Ich freue mich schon sehr auf das Stuttgarter Ensemble! Nirgendwo in der Welt kann man einen Rosenkavalier in dieser Top-Qualität ausschließlich aus dem Haus besetzen. Und ich freue mich auch auf Staatsorchester und Staatsopernchor, alle Gewerke und natürlich auch auf das Repertoire!
VS: Stuttgart ist ein Haus, an dem es mitunter auch radikale szenische Zugriffe gibt. Wie gehst du damit um?
NC: Ich liebe die Arbeit mit Regisseur*innen. Ich sehe eine Produktion als Entdeckungsphase – und da gehört es dazu, in den Proben gemeinsam und mitunter auch kontrovers zu diskutieren. In diesen Momenten bin ich nicht nur Musiker, sondern auch Musikwissenschaftler, Historiker, Psychologe – dann kommt einfach alles zusammen, was mich an Oper interessiert.
Nicholas Carter und Viktor Schoner vor dem Stuttgarter Opernhaus
VS: Wie triffst du Entscheidungen? Manchmal ist es ja schwieriger zu entschieden, was man nicht macht …
NC: Das stimmt! (lacht) Allein die Konzerte: Wir haben Ideen für zwanzig Programme im Jahr! Diese Konzerte sind so wichtig für die musikalische Qualität, für das Zusammenspiel. Und es geht auch darum, unseren Repertoire-Horizont zu erweitern: Wir machen also nicht nur Richard Strauss’ Heldenleben, sondern auch weniger Bekanntes von William Walton oder Jean Sibelius. Wir wollen neue Klangwelten entdecken!
VS: Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk ist deine erste Neuproduktion als GMD, die du gemeinsam mit der Regisseurin Ulrike Schwab realisierst – ich freue mich besonders auf den wundervollen Staatsopernchor, der in diesem Stück ja eine tragende Rolle hat. Außerdem bringen wir zwei weitere sehr unterschiedliche, aber extrem faszinierende Frauenfiguren auf die Bühne. Lucia di Lammermoor kommt in einer Produktion von Katie Mitchell aus London, die damit erstmals eine ihrer Inszenierungen in Stuttgart vorstellt. Und La traviata zeigen wir in Benedikt von Peters legendärer Produktion, in der die Titelfigur den gesamten Abend allein auf der Bühne steht, während alle anderen Figuren aus dem Rang singen. Am Ende der Saison kommt noch Glucks Alceste als Koproduktion mit den Wiener Festwochen. Milo Raus Regie könnte dieser Oper des 18. Jahrhunderts durchaus eine provokante Note geben.
NC: Du hast mal gesagt: Die Inszenierungen, die hier richtig gut ankommen, sind die crazy ones.
VS: Das stimmt: halb crazy geht nicht, wenn, dann crazy crazy! Mit einer Inszenierung Stadtgespräch zu werden, tut uns gut. Gerade in Zeiten knapper Budgets sollten wir nicht aus Angst konventionell werden. Wir brauchen weiterhin Freude an der Tradition, aber auch und vor allem Lust an der Innovation.
NC: Ich finde großartig, dass Kultur in Deutschland über Jahrhunderte so eine zentrale gesellschaftliche Rolle spielt. In Australien ist das anders, da gilt Oper als importierte Kunstform und hat einen sehr elitären Ruf. In Stuttgart können alle Tosca genießen! Und gerade deswegen will ich daran arbeiten, dass Oper für immer weitere Teile der Gesellschaft eine spannende und unterhaltende Kunstform wird. Mit unserem Sing along-Konzert am Anfang der Saison beispielsweise.
VS: Du ziehst mit deiner Familie nach Stuttgart. Hast du schon einen Lieblingsort in der Stadt?
NC: Immerhin haben wir schon eine Wohnung! (lacht) Mein Lieblingsort ist momentan noch das Opernhaus. Und das meine ich ganz ernst, denn die Leute, die hier arbeiten, arbeiten gern miteinander. Sehr familiär. Ich freue mich schon total, meine Australian Personality mit einzubringen. Wir fühlen uns sehr willkommen!
Aufgezeichnet von Johannes Lachermeier